So vertuschen Schleswig-Holsteins Krankenhäuser die Covid-19-Zahlen – Der große ANA LOGO Report

Kiel, Hamburg | analogo.de – Bei der Angabe von Covid-19-Fällen vertuschen die meisten Gesundheitsinstitutionen in Schleswig-Holstein die echten Zahlen. Unsere Redaktion hatte erfahren, dass die Leitung eines Krankenhauses intern an ihr Gesundheitspersonal kommunizierte, dass in Italien null Prozent der mit einem Beatmungsgerät beatmeten Personen (die hinterher als Coronavirusverstorbene zählten) überlebten. Zum offensichtlichen Unbehagen einer Reihe von Krankenhäusern nahm sich analogo.de die Freiheit, die hiesige Datengrundlage für die Coronapandemie zu hinterfragen. Konkret befragten wir alle 27 Corona-Cluster-Krankenhäuser Schleswig-Holsteins und viele Gesundheitsinstitutionen mehr. Hier präsentieren wir Ergebnisse, die weit über unsere ursprüngliche Anfrage hinausgehen. Das sich bietende Bild ist erschreckend. 

Lesezeit: 12 Minuten

Wenn den Entscheidungsträgern in der Gesundheitspolitik Schleswig-Holsteins keine Zahlen vorliegen, wie viele Personen “trotz” oder sogar “wegen” einem Beatmungsgerät an Covid-19 verstarben, lassen sich dann die mannigfachen Verordnungen und Erlasse rechtfertigen? Bringen die Beatmungsgeräte die erhoffte Verbesserung? Aufgrund welcher Basis wurden und werden die Corona-Lockdown-Erlasse beschlossen, wenn nicht auf der Basis regionaler Datensätze?

Maskerade, Täuschung, Eitelkeit, auf Seiten der Krankenhäuser offenbart die Coronakrise, wie Schleswig-Holsteins 27 Corona-Krankenhäuser mit allen Künsten der Ablenkung arbeiten. Während die Anzahl an Covid-19-Infizierten pro Landkreis und Stadt bekannt sind, blieb vor unserer Recherche die Anzahl an Patienten pro Krankenhaus im Dunkeln. Im Reich der Täuschung bleibt hierbei oftmals, wie viele Covid-19-Patienten pro Krankenhaus beatmet wurden und trotz Beatmung verstarben. 

Für die Recherche war es weniger wichtig, ob das Versterben in falschen Beatmungsdrücken oder schlichtweg an der hohen Zahl von teils über 30 Beatmungsbegleitmedikamenten begründet lag. Nicht nur im Bezug zur millionenschweren Beatmungsgerätebestellung bei der Drägerwerk AG Lübeck tut sich die Frage auf, ob Beatmungsgeräte in der Coronakrise das erfolgversprechende Mittel der Wahl sind.

Die Ergebnisse der großen Umfrage präsentieren wir wie folgt: Zunächst gehen wir auf die zahlreichen Ablenkungsmanöver der Verantwortlichen ein, die das Ziel hatten, keine Informationen zu leisten. Der zweite Abschnitt widmet sich der themenbezogenen Analyse aus einem Telefoninterview mit dem Sprecher des DIVI-Intensivregisters. Den Schlusspunkt bilden Ergebnisteil und Rohdatenübersicht. Den kompletten Report sowie die Rohdatenübersicht legen wir zum Herunterladen unter “C” wie Coronavirus in der ANA LOGO Datenbank ab. Aber nun zur Sache.

Die Ausgangslage

Ärzte und Krankenhäuser melden die Infiziertenzahlen an die Gesundheitsämter der Kreise und Städte, die die Zahlen wiederum über die Servant-Software des RKI an das Bundesintitut Robert Koch und die Landesmeldestelle senden. Letztere informiert das Landesgesundheitsministerium. Das RKI veröffentlicht die Zahlen pro Kreis. Bislang unbekannt ist, wie viele Fälle pro Krankenhaus auftreten.

Laut Marius Livschütz, Pressesprecher des Gesundheitsministeriums, liegen dem Ministerium keine Daten vor, wie viele in Schleswig-Holstein an Covid-19 verstorbenen Personen vorher mit einem Beatmungsgerät beatmet wurden. Auch würde der Ort der an Corona verstorbenen Personen wie Pflegeheimen, zuhause oder Krankenhaus nicht erfasst. Man fragt sich, was das Ministerium überhaupt weiß, um der Coronakrise zu begegnen. Ein sehr konkreter Anlass für analogo.de, alle 27 Krankenhäuser separat zu befragen.

Frage 0 lautete: Wie viele Covid-19-Patienten wurden in jedem einzelnen der 27 Cluster-Krankenhäuser in Schleswig-Holstein behandelt?

Covid-19-Patientinnen und Patienten, die eine stationäre Versorgung benötigen, können in Schleswig-Holstein auf Schwerpunkt-Versorgungsstrukturen zurückgreifen. Diese regionale Clusterbildung beinhaltet Verbünde verschiedener Kliniken und dient dazu, Patientenströme zu lenken. Das Konzept verfolgt den Ansatz einer Trennung der Patientenströme soweit möglich.

So haben beispielsweise das Klinikum Itzehoe, das Klinikum Nordfriesland und die Westküstenkliniken eine gemeinsame stationäre Versorgungsstruktur organisiert. Demnach sollen infektiöse Patientinnen oder Patienten mit dem Verdacht auf eine SARS-CoV-2-Infektion, die in einem Krankenhaus behandelt werden müssen, in eines der beiden Schwerpunktkrankenhäuser in Heide und Itzehoe verlegt werden. Beide Häuser verfügen über eine hohe Anzahl von Beatmungsplätzen und schaffen gerade speziell abgetrennte Versorgungsbereiche für die stationäre Behandlung von Covid-19-Patienten.

Laut Aussage des Gesundheitsministeriums sind derzeit grundsätzlich alle allgemeinversorgenden Krankenhäuser für die Versorgung von Covid-19 Patienten vorgesehen, sowie die beiden Fachkrankenhäuser Lungenclinic Großhansdorf und Medizinische Klinik Borstel. Krankenhäuser, die über mehrere Standorte verfügen, entscheiden sich in der Regel, die Versorgung von Covid-19 Patienten an einem Standort zu konzentrieren.

Die zwei Recherchefragen

Nun fragte analogo.de jedes einzelne Krankenhaus:

Frage 1: Wie viele der in Ihrem Krankenhaus wegen Covid-19 behandelten Personen wurden mit einem Beatmungsgerät beatmet (bitte um Nennung der absoluten Zahl und der Prozentzahl)?

Frage 2: Wie viele Patienten von Frage 1 haben die Behandlung überlebt bzw. im Umkehrschluss sind an Covid-19 gestorben?

Max Keldenich, Pressesprecher des Ministeriums für Soziales, Gesundheit, Jugend, Familie und Senioren, teilt analogo.de auf Nachfrage mit, von den Krankenhäusern würde der Anteil Verstorbener nicht ans Ministerium gemeldet. Prof. Dr. Helmut Fickenscher von der Landesmeldestelle antwortete auf unsere Anfrage, derartige Unterlagen lägen der Landesmeldestelle generell nicht vor.

Widerspruch gab es von Prof. Dr. med. Dr. h.c. Christoph Lange vom Leibniz Lungenzentrum Borstel, der analogo.de in einem Telefonat mitteilte, dass das Ministerium Heiner Gargs (FDP) sehr wohl jeden morgen um 09 Uhr von allen Krankenhäusern informiert wird, wie viele Personen beatmet wurden. Lediglich Verstorbene würden von den Krankenhäusern nicht ans Ministerium gemeldet. In diesem Falle sind die Informationen von Christoph Lange – wie für Wissenschaftler üblich – sehr offen. 6 Leute, 2 beatmet, 0 verstorben. Ähnlich klar auch die Antwort von UKSH-Sprecher Oliver Grieve.

Maskerade

Was für das Leibniz Lungenzentrum Borstel ein der Wissenschaft dienender Datensatz, scheint für die christlichen Krankenhäuser in Schleswig-Holstein ein Staatsakt. In den Worten von Franziska Mumm, Referentin Unternehmenskommunikation der vom erzkatholischen Köln aus gesteuerten Malteser und hierzu für das Flensburger Malteser Krankenhaus St. Franziskus antwortend, hört sich das so an: „Wir werden Ihre Anfrage nicht beantworten.“

Immerhin eine Antwort, das andere christliche Flensburger Krankenhaus der evangelisch-lutherischen Diakonissen antwortete erst gar nicht auf unsere Anfrage. Ja, im Gegensatz zu weltlichen Organisationen legt die Kirche auch im 21. Jahrhundert immer noch den Schleier des Verborgenen über die Wahrheit. So behalten die Kirchen die Deutungshoheit und sind nicht angreifbar. Eine Maskerade nach dem Prinzip: Gottes Vertreter sorgen für Dich, wir sagen aber nicht wie.

Doch scheint unsere Anfrage bei den christlichen Kliniken in Flensburg gewirkt zu haben. Tage später überraschen die Malteser auf der eigenen Webseite mit einer Pressemitteilung, man habe sechs aktuelle Fälle, eine Person sei auf der Intensivstation und er würde beatmet.

Mathias Eberenz, Pressesprecher der Asklepios Kliniken Westerland und Bad Oldesloe, zieht es aus jenem Grunde vor, die Informationen zu verschweigen, weil „eine Erhebung derartiger Daten aus unserer Sicht nur unter medizinisch-wissenschaftlicher Betrachtung sinnvoll sei“. Das Thema sei für Laien zu komplex (an Covid oder mit Covid verstorben? Vorerkrankungen berücksichtigt?) und Datenerhebungen als auch Interpretation der Daten würde man lieber primär den zuständigen Behörden bzw. wissenschaftlich arbeitenden Einrichtungen und Experten überlassen.

Eberenz stört nicht, dass der anfragende Journalist Statistik studiert hat. Ein vorgeschobenes Argument, um eben KEINE Daten liefern zu müssen. Wenige Krankenhäuser wie etwa in Norderstedt gaben an, zu schweigen, weil sich der „kleine Datensatz“ nicht für eine Statistik eigne.

Täuschung

Das Mantra von „meinem kleinen Datensatz“ ereilte uns auch in den Westküstenkliniken von Heide. Zur Erinnerung: Heide ist neben Itzehoe ein Schwerpunktkrankenhaus. Das im Cluster verbundene Klinikum Nordfriesland in Husum hatten wir zuvor angefragt und von Geschäftsführer Stephan Unger erfahren, dass man in Husum zwar Covid-19-Patienten behandeln könne, dies aber noch nicht nötig gewesen sei. Also waren wir doch gespannt, was das Schwerpunktkrankenhaus Heide zu berichten hatte.

Was wir mit Sebastian Kimstädt erlebten, gehört nicht selten zum Alltag eines Journalisten. Irgendwann mitten im Telefonat wird Kimstädt gewahr, dass er redsam war, und weist in diesem Moment darauf hin, dass dies alles nur ein Hintergrundgespräch sei. Er habe es als solches gekennzeichnet. Wir stellen fest: Dies tat der Mann erst mitten im Gespräch, er sagt aber, er habe es als solches gekennzeichnet. Wir schlagen vor, das Telefonat zu beenden, denn einmal Erfahrenes soll – so unsere Überzeugung – ans Tageslicht kommen.

Das Verhalten Kimstädts zeigt, wie nervös die Involvierten auf unsere Anfrage reagierten. Von einigen Pressesprechern erfuhren wir, dass unsere Anfrage jeweils in der Klinikleitung besprochen wurde. Angesichts der Tatsache, dass analogo.de in Schleswig-Holstein noch relativ unbekannt ist, eine bemerkenswerte Tatsache. Ohne das Gespräch mit dem Pressevertreter der Westküstenkliniken überzustrapazieren: Kimstädt fand den Datensatz von Heide zu klein, um ihn in den Topf zu schmeißen. Die Information blieb in Dithmarschen.

Die kleine Datensätze zurückhaltenden Kliniksprecher aus Dithmarschen, Bad Oldesloe oder Westerland vergessen die Tatsache, dass Kleinvieh auch Mist macht. Und dass gerade die kleinen Datensätze für eine Statistik sehr wichtig sind. Dass der ohne Statistikstudium ausgebildete Kimstädt dem auf Statistik trainierten Datenjournalisten das Wesen der Statistik beibringen wollte, wurde mit einem Lächeln zur Kenntnis genommen. Ein Augenzwinkern ins Transparenzparadies Dithmarschen.

Nur gut, dass das mit Heide verbundene Schwerpunktkrankenhaus in Itzehoe nicht auch solch ein Bedenkenträger war. Kliniksprecherin Karin Götz wird konkret: 19 behandelte Personen, wovon drei Patienten auf der Intensivstation beatmet wurden, und wovon wiederum einer dort verstarb. Der zweite Verstorbene lag nicht auf der Intensivstation.

Maren von Dollen, Leiterin der Unternehmenskommunikation des Friedrich-Ebert-Krankenhauses Neumünster zum Thema: „Aufgrund der geringen Fallzahl in unserer Klinik werden wir dazu keine Auskunft geben.“ Was will das Friedrich-Ebert-Krankenhauses Neumünster verheimlichen?

Krankenhaus → RKI

Der grundsätzliche Ansatz, die Presse nicht mehr zu informieren, scheint auch ein Motto der Schön Klinik in Neustadt zu sein. Claudia Rieling, Referentin für Unternehmenskommunikation teilte uns aus der bayerischen Verwaltungszentrale in Prien am Chiemsee mit, man würde sich zum Krankheitsverlauf der Patienten nicht äußern. Wir mögen uns ans RKI wenden.

Das taten wir, doch zu diesem sehr interessanten Ablenkungsmanöver später. Dabei hatte analogo.de gar keine Frage zum Krankheitsverlauf gestellt, sondern nur Ergebnisse in Form von Zahlen angefragt. Ist die Verwaltungszentrale in Südbayern so weit vom holsteinischen Neustadt entfernt, dass man sich der hiesigen Öffentlichkeit nicht mehr zu Transparenz verpflichtet fühlt?

Eine andere Klinik, die von der Ferne geführt wird, ist die Paracelsus-Klinik in Henstedt-Ulzburg. Die in Osnabrück sitzende Pressesprecherin Dirten von Schmeling dachte sich wohl, Schleswig-Holstein ist weit weg, da gehen Emails schon mal unterwegs verloren. Niedersächsisches Schweigen im Walde.

Sylvia Ziesmann-Busche, zuständig für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für das Johanniter-Krankenhaus Geesthacht und das Akademische Lehrkrankenhaus der Universität Hamburg, erklärte analogo.de gegenüber, man würde „alle Daten an das Gesundheitsamt übermitteln.“ Die Daten seien nicht für einen weitergehenden Adressatenkreis gedacht.

Da waren wir aber froh, dass ihre Kollegin und Pressereferentin Andrea Schulz-Colberg, zeichnend für das Akademische Lehrkrankenhaus der Universität Hamburg und für das Krankenhaus Reinbek St. Adolf-Stift, auskunftsfreudiger war:

„Im Krankenhaus Reinbek wurden aufgrund von eindeutigen Patientenverfügungen von insgesamt 30 positiv getesteten Patienten bislang nur wenige auf die Intensivstation verlegt und insgesamt 3 beatmet. 5 Menschen im Alter von 75, 83, 84, 85 und 89 sind darum auf der normalen Isolierstation gestorben, diese waren alle multimorbide, hatten also zum Beispiel Diabetes, Herzerkrankungen, Nierenerkrankungen oder waren schwer dement. Zwei Patienten – in einem sehr schlechten Zustand per RTW gebracht – sind auf die Intensivstation verlegt und auf Wunsch der Angehörigen zunächst beatmet worden. Im gemeinsamen Gespräch mit Ärzten und Angehörigen wurde nach wenigen Tagen in beiden Fällen entschieden, dass die Beatmung eingestellt wird. Die Patienten waren 78 und 88 Jahre alt und hatten beide sehr schwere Vorerkrankungen. Ob die zwei Patienten also AN Covid oder MIT Covid verstorben sind, kann niemand verlässlich sagen.”

Ein dritter Patient (74 Jahre, bereits zuhause positiv getestet) wurde laut Schulz-Colberg Anfang Mai auf der Intensivstation beatmet. Dieser Patient hatte eine gute Prognose, da er nicht so schwer vorerkrankt war, wie die beiden verstorbenen ITS-Patienten. Insofern seien von den drei beatmeten Patienten im St. Adolf-Stift zwei verstorben, einer würde noch leben.

Krankenhaus → Gesundheitsamt

Eine Form von Eitelkeit zeigt sich bei den Sana-Kliniken in Schleswig-Holstein. Kliniksprecherin Birga Berndsen schreibt für die fünf Sana Kliniken Lübeck-Süd, Oldenburg, Pinneberg, Elmshorn und Eutin, dass man „aus Gründen der ärztlichen Schweigepflicht“ nicht antworten würde. Als ob die Krankenhäuser nicht Millionen von Daten regelmäßig an Behörden und Kassen schicken würde, um ihre Kosten zu rechtfertigen, fahren die Sana-Kliniken ein ansonsten bekanntes Ablenkungsmanöver. In Bezug zur Frage, wie viele Patienten die Behandlung per Beatmung überlebt haben, mögen wir uns bitte ans zuständige Gesundheitsamt wenden, so Berndsen. Das hatten wir schon einmal.

Aber gesagt getan: Insgesamt fragten wir bei rund zehn Gesundheitsämtern via Stadt- und Kreispressestelle an. Die Antwort lautete unisono: Bitte wenden Sie sich an die Krankenhäuser, denn diese haben die Zahlen vorliegen. Verständlicherweise will keine Klinik eine hohe Anzahl Verstorbener im Haus kommunizieren, es könnte ein schlechtes Licht auf die eigene Klinik werfen. Egal ob Eitelkeit oder Täuschung, das Manöver ist eindeutig.

Dr. Kai Giermann, Leiter des Gesundheitsamtes im Kreis Schleswig-Flensburg, wurde deutlich. Über seine Pressesprecherin Martina Potztal ließ Giermann analogo.de mitteilen, es sei die “Aufgabe” des Krankenhauses, die Presse mit den Informationen zu versorgen. Über denselben Kompetenzstreit zwischen Städtischem Krankenhaus Kiel und Gesundheitsamt Kiel berichteten wir hier. Kompetenzgerangel, wo man nur hinschaut.

Was passiert, wenn man von Pontius zu Pilatus geschickt wird? Spielen wir es einmal durch. Nachdem uns Andrea Schumann, die Pressesprecherin des Helios Klinikums Schleswig ans Kreisgesundheitsamt verwies, und uns Martina Potztal vom Kreisgesundheitsamt zurück ans Helios Klinikum Schleswig, antwortete Schumann endlich:

„Na dann übernehme ich mal wieder. Im Helios Klinikum Schleswig ist ein positiv auf Covid-19 getesteter Patient mit einem Beatmungsgerät behandelt worden. Zwei weitere beatmungspflichtige Patienten waren lediglich unter Verdacht. Der Verdacht bestätigte sich jedoch nicht. Zudem ist in unserem Hause kein Patient an Covid-19 verstorben.“

Wusste die Klinik nicht, dass das Kreisgesundheitsamt nicht zuständig war? Was bedeuten diese unklaren Strukturen für echte Krisenfälle? Aber es kommt noch besser.

Gute politische Entscheidungen sollten auf Zahlen, Daten und Fakten beruhen. Im Bezug zur Coronapandemie werden diese in Schleswig-Holstein zumindest bis zur Unkenntlichkeit verdreht. Bildrechte: Geralt auf Pixabay 1607160_1920

RKI → DIVI

Von der Täuschung bis zum Betrug ist es oft nicht mehr weit. Transparency International listet seit Jahren Betrugsmaschen in der Gesundheitsbranche auf. Krankenhäuser sind in die Maschen der Branche verstrickt. So arbeitet das Transparency-Papier „Transparenzmängel im Gesundheitswesen. Ressourcenverschwendung, Missbrauch, Betrug – Einfallstore zur Korruption“ heraus, worauf es zurückgeht, dass Millionen, vermutlich sogar Milliarden Euro von Versichertenbeiträgen in Deutschland einerseits verschwendet werden, andererseits in die falschen Taschen fließen.

Unser Weg führt uns zum Robert-Koch-Institut nach Berlin. Das RKI ruft zurück und wir erfahren, dass die von uns erwünschten Informationen bei der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) zu finden seien. Angeblich habe das RKI keine Informationen vorliegen, wie viele Covid-19-Verstorbene pro Krankenhaus vorlägen.

Das DIVI Intensivregister erfasst seit seiner Gründung Mitte März 2020 laut eigener Beschreibung tagesaktuell die Versorgungskapazitäten und Fallzahlen zu intensivmedizinisch behandelten Covid-19-Patienten. Ziel des Registers ist, die Verfügbarkeiten von Beatmungsbetten und von erweiterten Therapiemaßnahmen bei akutem Lungenversagen in Deutschland sichtbar zu machen. Hierzu melden Kliniken mit Intensivstationen selbstständig und freiwillig per Log-in ihre Daten und sind angehalten, diese täglich zu aktualisieren. Eine Meldepflicht gibt es derzeit nicht, wenn auch die DIVI dies sehr begrüßen würde.

Tatsächlich erfahren wir im Gespräch mit Torben Brinkema, Pressesprecher für die DIVI, dass zum Zeitpunkt des Gesprächs 1.311 von 1.884 auf Intensivstationen behandelten Covid-19-Patienten beatmet wurden. Brinkema bemängelt gegenüber analogo.de, dass trotz der Verordnung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ein Drittel aller Kliniken keine Zahlen melden würden. Geht es der DIVI am Ende so wie analogo.de, nur auf einer anderen Ebene? Das Motto: Die Meldung ist freiwillig, ja dann verschweigen wir doch lieber?

Sackgasse Krankenhaus

Brinkema erzählt, dass das DIVI-Ziel einer regionalen oder zentralen Datensammlung für Deutschland schon seit 20 Jahren nicht umsetzbar sei. Und auch jetzt mangele es an der Mitarbeit der Soll-Beteiligten. Gegenstand einer vertiefenden Nachfrage könnte nun sein, ob die unsere Recherche blockierenden Parteien wie die Sanakliniken oder die christlichen Träger tatsächlich an die DIVI melden.

Aufgrund dieses Meldemankos sei auch nicht klar, ob die kursierenden Zahlen für Intensivbetten in Deutschland plausibel sind. Vor drei Jahren lag die Zahl von 28.000 Intensivbetten im Raum, wovon 65 bis 70 Prozent mit einem Beatmungsgerät ausgestattet waren.

Heute spräche man von 32.000 Betten. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) gehe gar von 40.000 Intensivbetten aus. Brinkema bezweifelt jede einzelne Zahl, und betont, dass das DIVI harte Fakten schaffen möchte. Leider gebe es immer noch viel zu viele graue Flecken, weil die Kliniken kein Zahlen liefern würden. Da denkt sich der Journalist: Wem sagen Sie das?

Der Kreis hat sich geschlossen. Nach einer großen Runde über Statistikamt Nord, Landesmeldestelle, Gesundheitsministerium, Krankenhäuser, RKI und DIVI landen wir wieder beim Ursprung der Daten: Der Sackgasse Krankenhaus.

Ergebnisse

1   Die Verbreitung von Statistiken und die Verfügbarkeit von verlässlichen Zahlen war im 19. Jahrhundert in der Regel Staatsgeheimnis. Obwohl wir zugute halten, dass die Idee ziemlich neu ist, Statistiken der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen, hätten wir von den Beteiligten mehr Offenheit erwartet. Die Geheimniskrämerei in Schleswig-Holsteins Gesundheitssektor ist denn auch ohne Beispiel.

Manche zurückgehaltenen Informationen oder Falschauskünfte mögen sich mit der Unsicherheit der verschiedensten Pressesprecher erklären lassen, ob man die Information wegen ärztlicher Schweigepflicht oder wegen “der statistischen Aussagekraft” zurückhalten soll. Das wirtschaftliche Interesse der privaten Kliniken darf aber kein Grund sein, die abgefragten unpersönlichen Informationen zum Herrschaftswissen zu machen. Darf dies ein Konflikt zwischen Transparenzverpflichtung und Betriebsgeheimnis bleiben bzw. wie viel Rechtschaffenheit darf die Öffentlichkeit von Krankenhäusern und Gesundheitsämtern erwarten?

2   Das Kompetenzgerangel zwischen sich quer verweisenden Institutionen offenbart strukturelle Schwächen des Gesundheitssystems. Es gibt Anhaltspunkte, dass den Gesundheitsämtern mehr Informationen vorliegen, als sie bereit sind zu kommunizieren. Ein Vakuum dort, wo jeder erwartet, dass der andere kommuniziert. Am Ende kommuniziert keiner. Die Aussagen des DIVI sprechen für sich.

3   Erwartbar ist, dass dem Gesundheitsministerium die Information vorliegt, wie viele Coronapatienten pro Kreis und Krankenhaus verstarben. Glaubhaft ist, dass das Ministerium dabei nicht weiß, ob die Patienten zuvor beatmet wurden. Dennoch eröffnet sich die Frage, ob dem Ministerium im Bezug Corona überhaupt genügend medizinische Details bekannt sind.

4   Keine Klinik will schlecht dastehen und eine hohe Anzahl Verstorbener kommunizieren. Diese Eitelkeit darf nicht über die wichtige Kommunikationsaufgaben der Kliniken hinwegtäuschen. Völlig verschlossen zeigten sich die folgenden Kliniken:

Paracelsus-Klinik Henstedt-Ulzburg, Ev.-luth. Diakonissenkrankenhaus Flensburg, Asklepios Nordseeklinik Westerland, Städtisches Krankenhaus Kiel, Friedrich-Ebert-Krankenhaus Neumünster, Klinik Preetz, DRK-Krankenhaus Mölln-Ratzeburg, Johanniter-Krankenhaus Geesthacht, Schön Klinik Neustadt, Asklepios Klinik Bad Oldesloe, LungenClinic Großhansdorf und alle fünf Sana Kliniken (Lübeck Süd, Eutin, Oldenburg, Pinneberg, Elmshorn).

5   Augenmerklich viele Covid-19 Verstorbene gab es in den Kliniken am UKSH Kiel, in der Imland Klinik Rendsburg und im Krankenhaus Reinbek St. Adolf-Stift. Spannend aber die Frage, wie viele Verstorbene es in den Kliniken gab, die Stillschweigen bewahrt haben.

6   Auch wenn ein Betrug nicht herausgestellt werden konnte, werden Fragen aufgeworfen, warum sich die Branche so intransparent gibt.

7   Ob Beatmungsgeräte einen Sinn machen, lässt sich aus den kommunizierten Zahlen kaum ableiten. Das RKI jedenfalls rechnet damit, dass über 70 Prozent aller mit einem Beatmungsgerät beatmeten Patienten versterben.

8    Für die Betrachtung des Versterbungsgrades aller Covid-19-Intensivpatienten kann zwar auf die RKI-Zahlen zurückgegriffen werden. Ob das RKI aber die richtigen Zahlen angedient bekommt, darf nach dieser Recherche angezweifelt werden. Nur allzu häufig hieß es: Dazu haben wir keine Informationen.

9   Der Aspekt der Täuschung ist vielfach gegeben, als dass sich durch die zahlreichen Ablenkungsmanöver ein Datenbild zusammensetzt, welches mit all seinen Lücken kein aussagekräftiges Gesamtbild ergibt. Die Involvierten befördern durch jene Verheimlichungspolitik eine falsche Auffassung der Sachverhalte. Durch diese Art misstrauender Geheimniskrämerei dürften Verschwörungstheorien eher bestärkt werden als durch Fakten widerlegt.

Covid-19-Patienten beatmet und verstorben: Die ANA LOGO Klinikübersicht für Schleswig-Holstein
Coronapatienten behandelnde Kliniken Cluster Covid-19-Patienten Summe
Verstorbene
gesamt Station
Isolier Intensiv
gesamt Isolier & verstorben verstorben & multimorbid gesamt Intensiv &
 beatmet
beatmet &
verstorben
verstorben & multimorbid
Segeberger Kliniken Mitte 1 1 1 0 0
Paracelsus-Klinik Henstedt-Ulzburg Mitte Verschweigen der Zahlen
Medizinische Klinik Borstel Mitte 6 0 2 0 0
Ev.-luth. Diakonissenkrankenhaus Flensburg Nord Verschweigen der Zahlen
Malteser Krankenhaus St. Franziskus Nord 6
aktuell
1 1
Asklepios Nordseeklinik Westerland Nord Verschweigen der Zahlen
Helios Klinik Schleswig Nord 1
2 auf Verdacht
0 0
UKSH Campus Kiel Ost 31 12 11 9
Städtisches Krankenhaus Kiel Ost Verschweigen der Zahlen
Friedrich-Ebert-Krankenhaus Neumünster Ost Verschweigen der Zahlen
Klinik Preetz Ost Verschweigen der Zahlen
Imland Klinik Rendsburg Ost 25 7
UKSH Campus Lübeck Süd 21 9 8 2
Sana Kliniken Lübeck-Krankenhaus Süd Süd Verschweigen der Zahlen
DRK-Krankenhaus Mölln-Ratzeburg Süd Verschweigen der Zahlen
Johanniter-Krankenhaus Geesthacht Süd Verschweigen der Zahlen
Sana Kliniken OH- Klinik Eutin Süd Verschweigen der Zahlen
Sana Kliniken OH – Klinik Oldenburg Süd Verschweigen der Zahlen
Schön Klinik Neustadt Süd Verschweigen der Zahlen
Asklepios Klinik Bad Oldesloe Süd Verschweigen der Zahlen
LungenClinic Großhansdorf Süd Verschweigen der Zahlen
Krankenhaus Reinbek St. Adolf-Stift Süd 30 mehr 5 1 weniger 3 2 1 7
Westküstenkliniken Heide West Verschweigen der Zahlen
Klinikum NF- Klinik Husum – kann hat noch nicht West 0
Regio Klinikum Pinneberg Sana West Verschweigen der Zahlen
Region Klinikum Elmshorn Sana West Verschweigen der Zahlen
Klinikum Itzehoe West 19 1 weniger 3 1 1 2

 

Mit dem Fokus auf Datenjournalismus gründete Rainer Winters im Jahre 2014 das neue Webportal analogo.de. Mark Worth von Whitleblowing International beschreibt den Autor dieses Beitrags in einem aktuellen Artikel als Transparenz-Aktivisten.

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