Nachhaltigkeit und Realpolitik: Von Elektroautos zur Paul-Ehrlich-Formel

Berlin, Sucre | analogo.de – Die Grünen wollen Deutschland elektrifizieren. Die stromspeichernden Batterien sollen zwar möglichst in Deutschland hergestellt werden, das dafür benötigte Lithium soll aber aus anderen Ländern wie Bolivien kommen. Der wahre Preis der Elektroautos wird hier in einer ZDF-Doku beschrieben. Dabei wollen die Elektrojunkies unter den Grünen weit mehr als die Elektrifizierung des Verkehrs. Mit der Sektorenkopplung wollen sie nichts weniger als die komplette Elektrifizierung aller Sektoren erreichen. Haushalte, Industrien, Dienstleistungen, Militär, Handel, Strom, warmes Wasser: Jegliche Energie soll aus Strom stammen, der natürlich zumeist gespeichert werden muss. Für Nationalparks und Reservate in Ländern wie Bolivien, Chile, Argentinien oder Australien bedeutet das, auf absehbare Zeit platt gemacht zu werden. Die Grünen feiern sich in ihrer Ideologie für eine CO2-freie Welt. Einer Ideologie, mit der sie bereit sind, die Zerstörung bislang unberührter Naturoasen hinzunehmen. In der Tat sieht Nachhaltigkeit anders aus. Aber was ist eigentlich Nachhaltigkeit? analogo.de ging dem Begriff auf die Spur.

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Nachhaltigkeit kann anhand unterschiedlicher Konzepte betrachtet werden. Laut kultureller Überzeugung vieler indigener Kulturen manipulieren die Menschen die Erde bereits, indem sie Ackerbau und Bergbau betreiben. Sie begegnen ihrem Lebensraum seit Anbeginn ihrer Kulturen mit dem Prinzip Nachhaltigkeit, indem i. e. S. nur geerntet wird, was nachwächst. Aus westlicher Perspektive mag es unverständlich wirken, wie die Quechuas der peruanischen Anden die Mutter Erde (Pachamama) würdigen, indem sie ihr in einer Art ritueller Anbetung vor dem Trinken einen Schluck des Getränks schenken. I. w. S. begann der Prozess der Umweltzerstörung mit der Erfindung des Feuers, quasi mit dem ersten Schlag auf einen Feuerstein. Seitdem der Mensch auf der Welt tätig ist, deformiert und zerstört er sie langsam. Während die Um(-welt) früher nur mechanisch verwüstet wurde, geschieht dies heutzutage zusätzlich radioaktiv und chemisch.

Daher hat der Begriff der Nachhaltigkeit seit Ende des 20. Jahrhunderts prominenten Einzug in die öffentliche Diskussion gehalten. Den westlichen Nationen wird in Anbetracht der aufkommenden Probleme ihres Lebensstils deutlich, dass er nicht haltbar ist, will man den nachfolgenden Generationen die Möglichkeit eines ähnlichen Lebensstils gewährleisten. Die sogenannte Brundtland-Kommission der UNO formulierte 1987, dass eine Entwicklung nachhaltig sei, wenn sie den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten der zukünftigen Generationen zu gefährden. Dauerhaft durchhaltbar, aufrecht-erhaltbar und global lebbar soll die neue Lebensform sein, so die prominent formulierte Einsicht. Damit erhebt Nachhaltigkeit den Führungsanspruch für eine gerechtere global-grenzüberschreitende und intertemporale Welt.

In der Praxis bietet der Begriff jedoch ein solch breites Spektrum der Auslegbarkeit, dass sich zunehmend ein skeptischer Unterton einschleicht. Sprachliche Bestimmungsversuche scheitern, so de Haan, da unterschiedliche Diskursteilnehmer unterschiedliche Verwendungszwecke haben. Werden ärmere Länder ein Konzept namens Nachhaltigkeit mittragen? Stellt die weltweite Einführung dieses Konzepts mitsamt seinen Maßnahmen nicht eine neue Version des Kolonialismus dar, wenn etwa die EU chinesische Airlines zur Teilnahme am Emissionshandel für die Luftfahrt verpflichten will? Warum sollten die Yanomani-Indianer Brasiliens ein Pamphlet für nachhaltige Entwicklung unterschreiben, ist ihr Bezug zu den Dualismen Zeit/Raum und Tod/Leben doch viel stärker an die Rhythmen der Natur gekoppelt als in der selbsternannten zivilisatorischen Welt. So hat die Vieldeutigkeit des Begriffs Nachhaltigkeit den BUND und Misereor dazu bewogen, stattdessen die Wörter Zukunftsfähigkeit und Zukunftsverträglichkeit zu benutzen.

Die Wünsche anderer Kulturkreise

In der prominenten Definition der UNO-Kommission blieben die Bedürfnisse an sich undefiniert, die befriedigt werden sollen. Bedürfnisse bleiben auf diese Weise potentiell unbegrenzt, so dass theoretisch erst ein auf Dauer wunschlos glücklicher Mensch seine Bedürfnisse befriedigt hätte. Doch soll jeder Mensch auf der Erde zukünftig dasselbe luxuriöse und stressige Leben eines Westeuropäers leben dürfen? Der nach einer Work-Life-Balance strebende Westeuropäer hat im Zweifel andere Bedürfnisse als ein Bewohner der Sahelzone während einer Trockenperiode. Ist es nicht gar so, dass sich westliche Bürger kaum vorstellen können, was sich Menschen anderer Kulturkreise für die Zukunft wünschen? Und umgekehrt. Wie Montesquieu im 18. Jahrhundert bemerkte: „Und wenn wir von einen Menschen sagen, er sei unglücklich in seiner Lage, so meint dies nichts anderes, als dass wir unglücklich wären, wenn wir bei unserer Beschaffenheit an seiner Stelle wären.“

Ist nachhaltige Entwicklung am Ende doch nur ein Konzept zur Beibehaltung des momentanen Lebensniveaus der westlichen Welt? Dabei suggeriert die umgestaltete Frage eines Nachhaltigkeitsansatzes: „Können wir das, was wir tun, auf Dauer fortsetzen?“ eine gute Portion Eigenkritik, mehr jedenfalls als in der Brundtland-Definition, die laut Klaus Beckmann allen harten Güterabwägungen aus dem Weg geht.“

Das Drei-Säulen-Modell stellt Nachhaltigkeit auf die drei gleichwertigen Säulen der Wirtschaft, der Ökologie und des Sozialen. Die UNO-Konferenz über Umwelt und Entwicklung von 1992 in Rio gab in seiner „Agenda 21“ Handlungsempfehlungen an die einzelnen Staaten, die jeder unterschreibende Staat auf seine eigene Weise verfolgte. Die Bundesregierung der BRD hat diese Ausrichtung in ihrer Nachhaltigkeitsstrategie von 2002 übernommen. In politischer und juristischer Prägung hat der Begriff Nachhaltigkeit in unterschiedlichen Rechtsbereichen positiv-rechtliche Verbindlichkeit erlangt, indem Normativität freiwilliges Handeln zunehmend ersetzt. Das Prinzip der Vorsorge ist in weite Bereiche der deutschen Gesellschaft etabliert.

Nachhaltigkeit als Kapital-Begriff

Die ökologische Ökonomie verspricht sich einen Beitrag zur Rettung des Planeten durch eine Klassifizierung in Funktionen der Natur bzw. Ökosphäre. Dabei vermisst sie die Welt in Kapitalarten aufgrund des bekannten englischen Spruchs der Ökonomie: „If you can’t measure it, you can’t manage it“. Bedürfnisse werden konkretisiert, indem man ihnen Kaufkraft (i.e. Bedarf) zuordnet. Starke und schwache Nachhaltigkeit unterscheiden sich durch den Substituierungsgrad der drei Kapitalarten. Wirtschaftliches Kapital (mit Human– und produziertem Kapital), ökologisches (erneuerbare/nicht erneuerbare Ressourcen mit den Umweltkapitalarten Luft, Wasser, Boden, Wald, Ruhe und Landschaft) und soziales Kapital.

Starke Nachhaltigkeit erlaubt tendenziell keine Substitution zwischen den Kapitalarten, der Verbrauch ist an die natürliche Regenerationsfähigkeit anzupassen. Schwach nachhaltig bedeutet, dass sich die drei Kapitalarten gegeneinander aufwiegen. Durch technische Leistung wie Meerwasserentsalzung dürfte Naturkapital (wie der Fluss, der verschmutzt wird) ersetzt werden. Der Nachteil dabei ist, dass verloren gegangenes Naturkapital durch produziertes Kapital ersetzt werden dürfte. Ganz im Sinne der Nutzenmaximierungsidee der Ökonomie. Mit dem begrifflichen Modell der Ökosystem-Dienstleistungen können ökologische Schäden rechenbar gemacht werden. Das Bestäuben von Kirschblüten durch Insekten oder die Bereitstellung von Trinkwasser durch Niederschlag bekommen auf diese Weise einen Wert zugeordnet.

Die ökologische Nachhaltigkeit versucht das Aufstellen von Nutzungsregeln für organisch erneuerbare Ressourcen wie Fisch und Rotwild, organisch nicht erneuerbare Ressourcen wie Kohle, anorganisch erneuerbare Ressourcen wie das Klima und Süßwasser und nicht erneuerbare Ressourcen wie Metallerze. Das egalisierende Schaubild des ökologischen Fußabdrucks verdeutlicht, welche Ressourcen jede Person in Anspruch nimmt. So addiert man Landflächen wie Wohnraum, Industriestandorte, Platzbedarf für die Entsorgung von Abfallstoffen und Flächen zur Produktion von Lebensmitteln und Energie. Diese werden in Relation zur Durchschnittsfläche gesetzt, die jedem Erdenbürger rechnerisch zur Verfügung steht. Im Ergebnis ist der ökologische Fußabdruck der Menschen auf der Südhalbkugel nur ein Bruchteil so groß wie derjenige ihrer Halbkugelnachbarn.

Vom CSB zur Paul-Ehrlich-Formel

Soziale Nachhaltigkeit i. w. S. will für globale Gruppen mehr Teilhabe an Wohlstand erreichen. Dies mag sich durch eine Gleichverteilung von Volkseinkommen ausdrücken. Nachhaltig wird soziales Kapital, indem es kooperative Ansätze zur Lösung von Dilemmata schafft. Diese sozialen Systeme mit hohem sozialen Kapital sind nach Haug und Gerlitz anpassungsfähiger, da sie in der Lage sind, kollektiv auf Veränderungen zu reagieren, Krisen zu bewältigen und dabei ihre Systemfunktionen aufrecht zu erhalten (Resilienz). Unternehmen nutzen den Verkaufswert des Begriffs der Nachhaltigkeit, indem sie alten Methoden neue Begrifflichkeiten wie Unternehmerische Gesellschaftsverantwortung (CSB) zuordnen.

Ökonomische Nachhaltigkeit will bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der benötigten Eingangsressourcen eine Ertragsmaximierung erreichen. In der Praxis kann sich ökonomische Nachhaltigkeit durch bewusstes wirtschaftliches Handeln des Verbrauchers ausdrücken, etwa bei der Auswahl eines nachhaltigen Investments. Das Prinzip der Ausschlusskriterien findet eine häufige Anwendung, indem bewusst keine Anlagepapiere der Rüstungsindustrie oder Pornoindustrie gekauft werden. Bei einer Positivauswahl werden Mindeststandards formuliert, die in Branchen wie Windkraft investieren. Die Idee des Verursacherprinzips unterstützt den Kostenrechnungsansatz, indem als Grundsatz für Konsumenten und Produzenten die Verursacher jeweils die Kosten für die Folgen ihres umweltbelastenden Verhaltens tragen sollen. Im Rahmen von organisatorischem Nachhaltigkeitsmanagement in Unternehmen werden Nachhaltigkeitsindikatoren gesetzt.

Ein weiteres Konzept schlägt die drei rechenbaren Größen Suffizienz, Effizienz und Konsistenz vor. Suffizienz regt zum Überdenken des Konsumniveaus an, wobei es nicht zum totalen Verzicht aufruft. Mit Effizienz verspricht man sich ein besseres Kosten-/Nutzenverhältnis, indem man aus einer bestimmten Rohstoffmenge so viel Nutzen wie möglich zieht, etwa durch einen besseren Wirkungsgrad bei der Energiegewinnung. Ernst Ulrich von Weizsäcker zeigt in seinem Buch „Faktor Fünf“ Wege auf, wie eine fünffach bessere Effizienz erreicht werden kann. Das Prinzip der Konsistenz hat die geschlossenen Kreisläufe der Natur zum Vorbild. Abfälle sollen idealerweise als neue Rohstoffe dienen, Recycling z.B. durch Downcycling ersetzt werden. Der innovative Geist westlicher Ingenieurskunst lässt gerade die Effizienz zur bevorzugten Strategie avancieren.

Die Ehrlich-Gleichung gibt rechnerische Orientierung über die Einflussgrößen auf dem Weg zu globaler Nachhaltigkeit. Der Stress auf die Natur I ist demnach ein Produkt der Bevölkerungszahl P, des Lebensstandards A (BSP/Bevölkerungszahl) und dem Technologiefaktor T (Technologieschäden/BSP). Geht man davon aus, dass in 40 Jahren 1,5-mal so viele Menschen leben wie heute, und sich der weltweite Lebensstandard verdreifacht, so müsste gemäß I = P x A x T und I = 1,5 x 3 x (T?) der durch technische Effizienz erreichte technische Fortschritt um den Faktor 4,5 steigen, um das Niveau des heutigen Stresses auf die Ökosphäre zu erreichen.

Dieser Beitrag ist Teil einer universitären Abschlussarbeit des Autors, die im Studienfach Umweltethik mit der Note 1,0 bewertet wurde. Die Fortsetzung liest Du in unserem nächsten Blogeintrag. Auf Wiedersehen auf analogo.de.

Auch offensichtlich chaotische Zustände können nachhaltig sein …    Bildrechte: Rainer Winters

… auch wenn die Strukturen zuvor nicht erkannt wurden. Bildrechte: Rainer Winters

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