München | analogo.de – Im zwölften Teil unserer Serie „Klassische Musik in großartigen Konzert- und Opernhäusern in Zentraleuropa“ steht heute ein Besuch vom Herkules-Saal in der Münchner Residenz auf dem Programm. Das Konzert des Abends fand am 20. April 2024 statt, genau 80 Jahre nach der Zerstörung des Saales durch britische Kriegsbomber. Als Star-Solist des Abends spielte der unfassbar virtuose Violonist Roman Kim das einzige Violinkonzert Ludwig van Beethovens (op. 61 in D-Dur). analogo.de war live dabei und berichtet vom Ereignis. Ein ANA LOGO Long Read.
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Hätte an diesem Abend Maestro Beethoven, der vor 199 Jahren verstarb, Roman Kim gehört, so hätte er ihn entweder nach Wien eingeladen oder seinen Job gleich an den Nagel gehängt. Bei diesem Meisterkonzert des Veranstalters Bavaria Klassik wird deutlich, warum man Roman Kim als Wiedergeburt des Teufelsgeigers Niccolò Paganini bezeichnet.
Und es wird deutlich, warum dieser Teufelsgeiger nicht häufiger auf den großen Konzertbühnen auftritt. Schon das Marketing dieses Konzertes fällt minimalistisch aus. Erhält man zum Ticket nebenan im Bayerischen Staatstheater oder Cuvilliéstheater ein dickes Heft voller Hintergrundinformationen, wird hier im Herkules-Saal ein DIN A5-Programmzettelchen gereicht, bei dem nicht einmal die Druckertinte für ein deutliches Druckbild sorgt.
Auch die Anzahl der Besucher überrascht. Von den 1.450 Sitz- und Stehplätzen sind nur relativ wenige besetzt. Doch die ersten Reihen sind gefüllt. Denn ein Musiker der Größe Roman Kims bekommt man nur selten zu Gesicht, und wenn, dann will man genau sehen, wie er das macht, was sonst eigentlich keiner schafft.
Im minimalistischen Duktus des Abends spielt Kim also Beethovens einziges Violinkonzert (op. 61 in D-Dur), welches nicht nur an sich schon zu den schwierigen Violinkonzerten gehört, sondern obendrauf ersetzt Kim mit seiner Violine ein halbes Orchester. Begleitet wird er dabei nur von einer Handvoll Profimusiker, an sich schon alles Könner auf ihrem Gebiet. Die Gruppe nennt sich „Residenzsolisten“ und noch vor dem zweiten Abschnitt des Abends spielen sie mit Roman Kim Verdis Sinfonia aus der Oper Nabucco im Allegro und Andante, dann das Allegro moderato und Andante con moto aus Schuberts achter Sinfonie sowie den Frühlingsstimmen-Walzer von Johann Strauß.
Erwartungen an gottgleiche Musiker
Als der bis dahin ganz nette Kammermusikabend seinen Lauf nimmt, tritt ein exzentrischer junger Mann auf die Bühne. Diese Erscheinung scheint nicht gefallen zu wollen, sie weiß, dass sie es kann. Sie braucht nicht um Musikmacher zu buhlen, die sie nach Gusto zum Star macht oder auch nicht. Obwohl sie vergöttert wird, entsagt sie den Bedingungen der Vergötterung. Sie gibt ein Bild ab, das nicht enttäuschen kann, weil an es keine übermäßigen Erwartungen geknüpft werden können.
Roman Kim ist schwer zu vermarkten. Wie will man auch einen Solisten für Beethovens Violinkonzert vermarkten, wenn man eine Oboe, zwei Klarinetten, zwei Fagotte, zwei Hörner, zwei Trompeten und ein halbes Streicherensemble wegstreicht, weil der Star-Violonist die Mehrstimmigkeit dieses Sinfonieorchesters fast alleine mit seiner singulären Violine erschafft?
Man stelle sich vor, man wolle einen Musiksaal füllen und kündigt das beste Orchester mit dem besten Violin-Solisten an. Am Abend werden Goto Midori, Leonidas Kavakos und zuletzt sogar noch Anne-Sophie Mutter spielen – begleitet vom Amsterdamer Concertgebouw-Orchester. Alles große Namen, der Saal ist voll, die Kassen klingeln. Erwartung trifft auf Erfolg. Die Kritiker werden schreiben, wie gottgleich die Aufführung vor allem der Solisten war. Auch bei den nächsten europäischen Konzerten führt der Ruhm zu ausverkauften Konzerten.
Das Marketing erzählt den Kunden, dass sie an jenen Abenden zwar Menschen zuhören werden, die jedoch wie Götter spielen, jedenfalls nicht normal, sonst hätte man sie ja kaum engagiert. Der gottgleiche Musikertypus ist eine Kopfgeburt der findigen Musik-Produzenten.
Die heutige Konkurrenz ist riesig, die Musikakademien voll von engagierten Musikern, die pro Tag acht Stunden an ihren Instrumenten üben. Doch nur die wenigsten von ihnen schaffen den Spießrutenlauf hinauf zur klassischen Musik-Karriere. Ein Star wird immer der sein, der von den Machern kontrollierbar bleibt. Die unkonventionellen unter ihnen werden eher verteufelt. Teufelsgeiger eben.
Roman Kim ist so einer. Auf seiner Nase trägt der Mann manchmal eine selbst gefertigte Brille, die laut einem Musikmagazin seine Sinne schärfen soll. In gewisser Weise ist Roman Kim eine Art neuer Nigel Kennedy, der seinerseits Genialität mit einer Punkerfrisur verknüpft. Doch während Kennedy seit Dekaden von einer gut bezahlten Show zur nächsten eilt, lebt Kim weiterhin (wir nehmen an – bescheiden) im fernen Kasachstan, weit weg von europäischen und US-amerikanischen Konzertbühnen.

Wie Kennedy liebt auch Kim die Musik von Jimi Hendrix, und beide haben einen Vertrag mit Sony Classical. Sonys CD-Titel von 2018 lässt erahnen, was die CD bereithält: „Kimpossible“. Eigentlich ist es nicht möglich, eine solche Musik auf der Violine zu spielen, die doch nur vier Saiten hat, und im Gegensatz zum Klavier nur eine recht beschränkte Klangfülle abbilden kann. Das Magazin violonist.com attestiert Kim gar „mad abilities“, wahnsinnige Fähigkeiten.
Der Konzertabend findet also im Herkules-Saal statt. Der mythologische Herkules bzw. Herakles war nicht nur ein Held, sondern hatte auch eine Tendenz zum Wahnsinn. Jener intelligente, musikalische und temperamentvolle Herkules ermordete seine Kinder und seine Ehefrau, wofür er zur Strafe zwölf schier unlösbare Aufgaben aufgebürdet bekam. Nachdem er die „Aufgaben“ bewältigt hatte, war er geläutert und wurde anerkannter und sogar gottgleicher Held.
Herkules reiste auch mit den Argonauten, um ein großes Symbol der Macht zu ergattern, das Goldene Vlies. Immer wieder bewies sich Herkules. Rund 400 Jahre lang hingen die Bilder von Herkules – auf Teppiche gebannt – in jener Münchner Residenz der bayerischen Herrscher, bis der Bayerische Staat die Originale letztendlich vor 33 Jahren an einen heimlichen Ort wegschloss.
Um den Ruhm der bayerischen Herrscher zu manifestieren, hatte der lokale König Ludwig I. den Herkules-Saal als Thronsaal genutzt. Rund 100 Jahre später versuchte Großbritannien im zweiten Weltkrieg – gemeinsam mit den Vereinigten Staaten von Amerika – Ruhm, Stolz und Identität Deutschlands zu zerstören, indem man die Erinnerungen an ihre Kultur zerbombt. Ab 1942 zerbombten die Briten und Amerikaner Münchens Altstadt zu 90 Prozent. In diesen Julitagen warfen bis zu 1.500 Kampfbomber bis zu 400.000 Brandbomben auf die Stadt – pro Tag.
Der Luftangriff der Briten in der Nacht vom 24. auf den 25. April 1944 versetzte dem Herkules-Saal den letzten Schlag. Doch gehörte zu den Unglaublichkeiten des deutschen Wiederaufbaus auch die Rekonstruktion des Herkules-Saales. Und so konnte fast genau 80 Jahre nach dem britischen Luftangriff an diesem Abend des 20. April 2024 das Konzert mit Roman Kim stattfinden.
Neben mir sitzt der Brite Joseph Fisher, Bratschist im Londoner Royal Philharmonic Orchestra (RPO). Gerade habe man mit dem RPO ein paar Konzerte in der Isarphilharmonie gegeben, verriet er mir, und da hätte er vom Auftritt Roman Kims gehört. Diese Gelegenheit wolle er sich nicht entgehen lassen. Er sei gespannt, wie Kim spiele.
Der Ruf eilte Roman Kim voraus, trotz wenig Druckertinte des Programmheftchens. Und auch heute abend muss sich Kim nicht bewähren. Weil er es kann. Und er muss nicht kommen. Ebensowenig wie Jürgen Klopp kein Bundestrainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft sein muss. Klopp und Kim kommen einfach, weil sie eine große Zahl eigener Schwingungsenergie mitbringen.
Von Pygmalion, Higgins und anderen Managern
Wer irdischen Erwartungen entsagt, ist nahe am Ideal. In seinem Werk Metamorphosen schrieb der römische Dichter Ovid die Geschichte des Pygmalion auf. Hier entsagt der bildhauende König namens Pygmalion der körperlich-realen Sinnlichkeit des weiblichen Geschlechts und formt eine weibliche Skulptur aus Elfenbein. Schon bald verliebt er sich in seine Schöpfung einer idealen Frau.
Pygmalion spricht mit ihr, behandelt sie fast wie eine wahre Frau. In einem Gebet bittet er die Liebesgöttin, ihm doch eine Frau zu schenken, die seiner Skulptur größtmöglich ähnlich ist. Doch die Liebesgöttin Venus bzw. Aphrodite verzaubert die Skulptur in einen echten Menschen. Am Ende heiratet Pygmalion seine menschgewordene Schöpfung. Wenn auch unbewusst, hatte der Mensch Schöpfer gespielt und am Ende sein Ideal erhalten.
Welchen Effekt hat die Erwartung anderer auf Menschen? Werden sich die Kompositionen Roman Kims ändern, weil alle von ihm erwarten, das bisher Bekannte zu spielen? Hat Roman Kim einfach nur Beethovens Opus 61 „gut“ interpretiert, gut nachgeahmt, oder hat er am Ende – wie revolutionär – unsere Wahrnehmung musikalischer Machbarkeit erweitert?
Am 16. Oktober 1913 wurde im Burgtheater von Wien ein Theaterstück uraufgeführt, welches den Stoff Ovids in einer modernen Umschreibung zeigte. Ebenso wie Ovid nannte der Ire George Bernard Shaw sein Stück Pygmalion, nur diesmal lässt der Schöpfer zu, dass sich sein Geschöpf emanzipiert. Laut Wikipedia wettet der selbstherrliche Linguist Professor Henry Higgins, dass er die arme Blumenverkäuferin Eliza Doolittle zu einer Herzogin machen könne, indem er ihr beibringe, mit dem Akzent der feinen Londoner Gesellschaft zu sprechen. Der Plan gelingt, und dennoch gelingt Eliza am Ende ein vom Schöpfer unabhängiges Eigenleben.

Ein paar Jahrzehnte später gießt der in Berlin geborene Friedrich Löwe den Stoff Shaws in ein Musical, romantisiert aber die feministische Vorarbeit Shaws ein wenig. Sein Werk nennt er My Fair Lady. Gegenüber ihrem Macher Higgins tritt hier Eliza zunächst immer unabhängiger und selbstbewusster auf. Aus der Rolle, die ihr die Gesellschaft auferlegte, wächst sie ein gutes Stück weit heraus.
Higgins wiederum trägt eine Art Ödipus-Komplex mit sich herum nach dem Prinzip: Alles Schlampen außer Mama. Die beiden kommen nicht zusammen. Am Ende heiratet Eliza einen Mann namens Freddy Hill. Gute Entscheidung, denn Higgins war es nur darum gegangen, seine Wette zu gewinnen, mit anderen Worten, zu zeigen, dass er die Macht und Fähigkeit hat, jemanden zu kontrollieren.
Von Eliza zu unkontrollierbaren Teufeln
Welcher Musik-Manager kennt nicht das Gefühl, wenn er auf einmal von seinem Schützling den Laufpass bekommt? Ein solches Drama wird zum Beispiel in Freddie Mercurys Filmbiografie Bohemian Rhapsody dargestellt. Was wohl hätte Mercury ohne seine Produzenten und Agenten erreicht? Im Falle von Farrokh Bulsara alias Freddy Mercury war klar, dass Mercury mindestens dieselben hohen Erwartungen an seinen Erfolg hatte wie seine Macher an ihn.
In dem von ihm geprägten Begriff der „selbsterfüllenden Prophezeiung“ beschrieb der Soziologe Robert K. Merton die ursprünglich falsche Definition einer Situation, die ein neues Verhalten hervorruft, wodurch sich die falsche Vorstellung bewahrheitet. Berühmt ist Mertons Beispiel einer Bank, die wegen Gerüchten über ihre Zahlungsunfähigkeit tatsächlich Konkurs macht.
In unserer wettbewerbsorientierten Welt des „freien Spiels der Talente und Ambitionen“ unterwerfen sich Künstler in der Regel den in der Branche üblichen Ausbeutungsmustern sexuellen Machtmissbrauchs, Schwarze-Liste-Drohungen und anderen grenzüberschreitenden Arbeitsbedingungen. Entweder spielt man das dreckige Spiel mit und speist vom großen Kuchen, oder rückbesinnt sich auf seine Kunst (was meistens ein Abrutschen in Geldnöte bedeutet).
Mammon oder Ideal? Pygmalion und Higgins fröhnten dem Ideal. Venus führte Pygmalion ins wahre Leben zurück, während Higgins vom wahren Leben abgelöst schien. Wette gewonnen, aber wofür? Roman Kim hingegen scheint kaum einen Manager zu brauchen, denn er kann, wofür andere jahrelang üben müssten. Im Netz sagen Fachexperten das Folgende:
„Roman Kim spielt wahrscheinlich die beste Aufnahme von Paganinis God Save The King. Es gibt praktisch keine Fehler, und er hat die fünfte Variation nicht ausgelassen, was überraschend selten vorkommt. Er ist der erste Geiger, der ein Tremolo mit künstlichen Obertönen und Doppelgriffen spielt, während er mit der linken Hand pizzicati spielt. Er war der Erste, der Quartettstücke auf die ganz eigene Art und Weise auf der Solovioline spielte. Seine Bearbeitung von Mozarts Kleiner Nachtmusik besteht aus fünf Minuten schneller, doppeloktaviger Handstreckungen – und das bei gleichzeitiger Pizzicato-Technik der linken Hand. Kim mit super gleichmäßigen und sauberen Läufen, extrem kraftvollem und akzentuierten Pizzicato der linken Hand, unglaublich gleichmäßige Bogenführung, er spielt das Stück viel schneller als jede andere Interpretation, die ich je gehört habe, er trifft die Dezimen und Terzen, als wäre es nichts, eine wahnsinnige Klangfülle, super gleichmäßige Triller – besonders beim Doppelgriff-Triller, die Phrasierung ist absolut auf den Punkt, gleichmäßiges Vibrato, er hält die Sechzehntel-Ricochet-Passage im Finale durch er meistert das fliegende Aufstreich-Staccato in der Pizzicato-Passage der linken Hand, er beißt in die Geige, um die tiefe Stimme hervorzuheben, er spielt Noten ganz oben in den hohen Lagen superschnell und spielt sie super sauber und intonationssicher, seine Akkorde klingen sehr gleichmäßig und nicht knirschend, beide Stimmen kommen klar zur Geltung, er meistert die Obertöne, selbst die Trillerpassage klingt wie eine Mandoline […].“
Und so weiter und so fort. Man suche sich den Superlativ seiner Wahl aus. Der mittlerweile verstorbene Violonist Ivry Gitlis bezeichnete einen Abend mit Roman Kim als „eine der unglaublichsten Darbietungen, die ich seit meiner Geburt gehört habe“.

Wie wir Roman Kim im Herkules-Saal erlebt haben, sei wieder anhand unserer berühmten #Erlebnisschnipsel erzählt:
Los gehts:
1. Auf der Bühne – wie gesagt – ein kleines Kammerorchester von nur sechs Leuten. Außer den Musikern eine große leere Bühne, kein Blumengesteck, nackte Nüchternheit. Ein Low Energy-Konzert. Dafür ist das Licht im Saal superhell. Der Herkules-Saal in seiner Erscheinung glatt und großartig.
2. Die Residenz-Solisten legen los mit Guiseppe Verdis Sinfonia aus der Oper Nabucco im Allegro und Andante. Das Programm des ersten Teils sehr bekannte schöne Melodien zum Entspannen. In der Pause zwischen Allegro und Andante hustet eine Zuhörerin. Es schallt im ganzen Saal. Die Akustik des Herkules-Saales ist wahrhaft gut. Was für die Musiker bedeutet, dass man jeden auch nur kleinen Fehler hört.
3. Das zweite Stück des Abends sind das Allegro moderato und Andante con moto aus Franz Schuberts achter Sinfonie in H-Moll. Wo der Oboist Giovanni de Angeli sonst nur sitzt, macht er nun von seinem Notenständer zwei Schritte zurück, seine Oboe wunderbar expressiv. Ein paar Zupfer von Kontrabass und Violinen. Violoncellistin Andrea Polgár muss das Notenblatt umblättern, verpasst ein wenig den Anschluss, die anderen kompensieren den Mini-Ausfall von einem der sechs Instrumente.
4. Nun das Andante con moto, die Melodie mal gespielt vom Cello, mal von der Oboe, mal von der Violine. Ein nettes Arrangement. Pamela Kremer zieht ihre Bratsche di_da, eine Violine spiegelt das Echo di_da. Das Ensemble geradezu fehlerfrei, die Musik ist einfach nett. Welches Glück doch die Stadt München präsentiert. So viele Musiksäle, so viel schöne klassische Musik. Dennoch: Wer Schuberts Achte auf dem Programmheft liest, sehnt sich nach dem großen Orchesterwerk.
5. Auch das Zusammenspiel beim Klassiker von Johann Strauß klappt gut, sein Opus 410, der Frühlingsstimmen-Walzer im beschwingten Kammerorchesterformat. Vielen Dank. Applaus und Pause.
6. Es ist ein Meisterkonzert und der Meister des Abends heißt Roman Kim. Beethovens Violinkonzert D-Dur op. 61 in seiner ganzen Länge steht bevor, gespielt von 7 anstatt 70 Musikern. Schaun mer mal.
7. Im ersten Allegro ma non troppo Kims Töne so sauber und klar wie das Blau der Herkules-Teppiche über uns. Giovanni de Angeli hält einen langen Oboen-Ton, wundervoll. Dann wieder Kim – mit einem süßlichen Ton, den de Angeli wie ein Engel abfängt und verlängert.
8. Nun ein Solo von Roman Kim. Den letzten Zug schmeißt Kim weg wie ein Golfspieler, der seinen Golf-Clubschläger in weitem Bogen bis zum Ende weit um den Körper herum schwingen lässt, um den ganzen Effet der Schwingung auszunutzen.
9. Während de Angelis mit seiner Oboe einen stetigen Begleitton summt, arbeitet sich Kim in Wellenform die Tonleiter hoch. Olé.
10. Nach dem schwungvollen Allegro nun das 25 Minuten dauernde Larghetto – ein Stück Entspannung.
11. Mit viel beschwingter Dynamik beginnt das aus Funk und Fernsehen bekannte Rondo. Satte 36 Minuten warten auf den Zuhörer. Zumindest die Dauer der einzelnen Teile hätte Bavaria-Klassik ins Heftchen hinschreiben können. Kim zeigt sein ganzes Können, große Läufe, den Rest können Sie erahnen, wenn Sie die Rezensionen weiter oben gelesen haben.
12. Auch wenn nur wenige Zuhörer da sind, gibt es zwei Zugaben. Zwei Zugaben, die es in sich haben und für die Kim bekannt ist. Der Duktus anknüpfend an das beschwingte Thema des letzten Beethoven-Rondos. Kim startet mit Paganinis God Save the King, einem der schwierigsten Violinenstücke überhaupt. Die Melodie bekannt aus der deutschen Adaption: Wenn Du noch einen gibst, haben wir Dich nochmal so lieb. Der Kasache spielt es in einem Tempo, das einem schwindelig wird. Ich schaue mich um: Vor Unglauben schütteln Zuhörerinnen und Zuhörer die Köpfe. Bravo. Bravo. Bravissimo. Später recherchiere ich andere Rezensionen: Andere Violinisten würden 40 Jahre Spielerfahrung benötigen, um dieses Tempo aufzulegen.
13. Noch eine Zugabe, wie nett. Und nun überrascht Kim mit der Ankündigung: „Some Rock’n Roll for you“. Michael Jacksons Smooth Criminal im Herkules-Saal, was will man da sagen? Frei, unkonventionell, genial.
14. Draußen im Hofgarten unterhalten wir uns später noch mit anderen Zuhörern, einige von ihnen selber Violonisten. Allen fehlen geradezu die Worte. Roman Kims Auftritt sei kein „normales“ Konzert eines Violin-Virtuosen gewesen. Es war unfassbar göttlich!
15. Auch die Veranstalter müssen zufrieden gewesen sein, denn am 17. November, also rund sieben Monate nach dieser Aufführung, tritt Roman Kim nochmal im Herkules-Saal auf. Ein gutes Jahr später spielt Kim im Dezember 2025 ein Festkonzert nebenan im Cuvilliés-Theater. Auf dem Programm stehen neben einem Weihnachts-Goodie von Tschaikowski Mendelssohns Violinkonzert in E-Moll, Paganinis La Campanella und die Teufelstrillersonate Tartinis.
Nothing compares to Roman Kim. Kim ist kein fassbarer Gott, weil er unkonventionell ist. Götter sind immer Kopfgeburten und müssen daher tendenziell konventionell sein. So lieben Menschen ihre Götter, dass sie seien wie Menschen, dass sie lieben und sich streiten wie Menschen, damit sie selbst, also die Menschen, sich wie Götter fühlen können.
