Die Falkland-Inseln im Fadenkreuz von Großbritannien und Argentinien – ein Erlebnisbericht

Port Stanley, Atlanta | analogo.de – Der Streit um den britischen Kolonialbesitz der Falkland-Inseln geht in die nächste Runde. Vor rund 200 Jahren hatte das Britische Reich Argentinien die Inseln abgenommen. 1982 versuchte Argentinien, sich die Inseln in einem Krieg zurückzuholen. Nun besiegte am letzten Mittwoch das Herren-Team der Fußballer Argentiniens im Stadion von Atlanta die Länderauswahl Englands mit 2:1. Nach dem Sieg Argentiniens hielten die beiden argentinischen Fußballspieler Lisandro Martinez (Manchester United) und Reservespieler Giovani Lo Celso (Real Betis Sevilla) ein Banner fest mit dem Schriftzug: „Las Malvinas Son Argentinas“ (übersetzt: Die Malwinen bzw. Falkland-Inseln sind argentinisch). Die Geschichte ist nicht vergessen, der Anspruch lebt fort. Vor einigen Jahren besuchte ich die Falkland-Inseln und erzähle, wie ich die britische Kolonie erlebte.

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Schon bei der Anfahrt mit dem Schiff tritt die Brisanz um den Anspruch auf die Inselgruppe zutage. Wir befinden uns an Bord der in Emden gebauten MV Discovery, die so manchem Liebhaber der Fernsehserie Love Boat bekannt sein dürfte. Auf dem Weg von Buenos Aires in die Antarktis kreuzen wir unterwegs zwei Tage in den Gewässern der Falkland-Inseln.

MV Discovery vor Falkland 2008. Ab dem Jahr 2014 wurde das schöne Schiff in Alang/Indien verschrottet. Bildrechte: Rainer Winters

Der Kapitän an Bord ist der erfahrene Captain John Brocklehurst. Brocklehurst erzählt uns, er sei schon 1982 mitten im Falkland-Krieg Kapitän eines britischen Versorgungsschiffes gewesen, hätte damals aus militärischen Gründen aber nicht an Land gekonnt. Nun, also 26 Jahre später, stehe er vor einem für ihn ganz besonderen Moment, die Falkland-Inseln tatsächlich zu betreten.

An zwei Tagen referiert ex-Kommandeur der Luftwaffe, Sir Christopher Coville, über den Falkland-Krieg aus britischer Sicht und seiner ganz persönlichen Sicht.   

Zunächst halten wir vor der Küste von Westfalkland, der etwas kleineren der beiden großen Falkland-Inseln. Insgesamt umfasst die Inselfläche 12.000 Quadratkilometer, womit die Inseln ein wenig größer als das Land Katar sind und ein bisschen kleiner als der Staat Montenegro. Von der Größe her könnten die Falkland-Inseln ein unabhängiger Staat sein. Nach Grönland und Neukaledonien sind die Falkland-Inseln der drittgrößte Kolonialbesitz weltweit.

Pinguine und Albatrosse auf Westfalkland im Jahre 2008. Bildrechte: Rainer Winters

Unter den 800 Passagieren an Bord befinden sich eine Handvoll Deutsche, ein paar Passagiere aus dem Commonwealth und eine zehnköpfige Reisegruppe aus Taiwan. Der Rest sind Briten, viele von ihnen ehemalige Militärangehörige. Ein alter Offizier mit Augenklappe fragt uns im scharfen und wohl lustig gemeinten Ton: „This is a British ship. How did you Germans get on board of this ship?“. Übersetzt: „Wie kommt Ihr Deutschen auf dieses Schiff? Das ist ein britisches Schiff.“

Auf Westfalkland fahren wir mit kleinen Beibooten vom Schiff an Land und besuchen eine Kolonie von Pinguinen und Albatrossen. Uns begleiten die Zoologen Alan Tennyson und Peter Carey. Am Vortag hatte Alan Tennyson einen Vortrag zu südlichen Ozean-Seevögeln gehalten. Peter Carey referierte zum Thema „Wertschätzung von Pinguinen“. Beide Wissenschaftler sind anerkannte Spezialisten ihres Faches. 

Vor Betreten der Insel weisen uns die begleitenden Zoologen an, ausreichend Abstand zu den Tieren zu halten, sie könnten sich ansonsten gestört fühlen. Den Tieren ist es egal, von wem sie regiert werden. Aber nicht egal ist ihnen, wenn man ihr Habitat stört. Das britische Schiff samt Besatzung und wissenschaftlicher Begleitung gibt sich alle Mühe ökologischer Korrektheit. Wie würde das wohl unter argentinischer Regie laufen?

Zu den Tieren halten alle Passagiere guten Abstand. Man merkt, dass die Tiere uns zwar wahrnehmen, aber sich nicht gestört zu fühlen scheinen. Das ändert sich, als sich die Passagiere aus Taiwan nähern. Sie kümmern sich einen Kehricht um das Wohlgefühl der Tiere und ja, der Übersetzer hatte es ihnen gesagt. Die Taiwanesen strecken ihre Kameras über die natürliche Grasbarriere hinweg, damit die Kamera noch näher am zu fotografierenden Tier ist. Die Tiere reagieren genervt.

Taiwanesen stören Pinguine und Albatrosse auf Westfalkland im Jahre 2008. Bildrechte: Rainer Winters

Nach ein paar höchst interessanten Stunden gehts weiter entlang der Südküste in Richtung Ostfalkland. Die Berge sehen aus wie die Hebrideninseln im Norden Schottlands. Am nächsten Morgen legen wir in Port Stanley an, der britischen Hauptstadt der Inselgruppe. Gleich ins Auge fällt der Thatcher Drive, die Straße benannt nach der britische Premierministerin Margret Thatcher, die auf britischer Seite den Krieg führte.

Im Ort stehen Häuser, die uns an alte Cottages aus den englischen Cotswolds erinnern. In einem Pub kostet ein Pint John Smith’s Extra Smooth genau derselbe Preis wie in einem Pub in Großbritannien. Weiter unten an der Straße ein Denkmal für die gefallenen Soldaten im Krieg gegen Argentinien mit dem Schriftzug: 14. Juni 1982: „In Gedenken an diejenigen, die uns befreiten.“

Am Weg steht eine alte Harpune, mit der in der Gegend zwischen 1937 und 1965 20.000 Wale getötet wurden. Engländer waren jahrhundertelang grimmige Wal-Jäger, später übernahmen vor allem die Schotten wie die in Edinburgh ansässige Reederei Christian Salvesen das Abschlachten. Ihren Namen haben die Falkland-Inseln von der Adelsdynastie der Viscounts of Falkland, die im kleinen Ort Falkland angesiedelt waren.

Eigentlich müssten die Argentinier also ein Problem mit den Schotten haben, denn es waren vor allem Schotten, die zuletzt auf den Falkland-Inseln aktiv waren. Die schottische Fußball-Nationalmannschaft kam aber nicht über die Vorrunde hinaus, und auch sonst haben die Schotten innerhalb des Vereinigten Königreiches nicht viel zu sagen. Der aktivste Schotte unter den wenigen schottischen Politikern mit Ausstrahlung ist noch Craig Murray, der wiederum in England verhasst ist.

Das Geschäft mit der Waljagd der Briten. Szene aus Port Stanley im Jahre 2008. Bildrechte: Rainer Winters

Heute spielt nun Argentinien im Endspiel gegen Spanien. Auf dem Fußballplatz hatten die Argentinier sehr brutal gespielt und hatten während der WM nebenbei eine umtmaßlich korrupte Unterstützung der Schiedsrichter. So bereitet sich London heute abend auf ein heißes Fußballspiel vor, wobei der Großteil der Londoner mit Spanien sympathisiert. Interessanterweise waren die Falkland-Inseln zunächst in spanischer Hand.

Seit Tagen sind die Straßen Londons mit spanischen Flaggen gesprenkelt. Dagegen führten auf dem Times Square von New York hunderte Argentinier einen Hextentanz auf, indem sie zunächst auf die englische (nicht die schottische) Flagge spuckten, um sie dann kaputtzutanzen. Wegen Rassismus wird hier kein Argentinier angeklagt. Wenn solche Nationalisten in einer Gruppe auftreten, nimmt man das hin.

Zurück in Port Stanley. Einige vom Schiff unterhalten sich mit britischen Soldaten und Soldatinnen. Wie fühlt man sich hier, 730 Kilometer entfernt von der Küste Argentiniens und 13.000 Kilometer von der englischen Küste? Viel los ist hier auch nicht: Auf den ganzen Inseln leben insgesamt 3.600 Einwohner, ungefähr so viele wie in der Ortschaft Morsbach im Oberbergischen Kreis. Nur: Die Fläche von Morsbach umfasst weniger als zwei Quadratkilometer, diejenige der Falkland-Inseln 12.000 km².

Rainer Winters in Port Stanley 2008

Wir wagen uns über die Grenze von Port Stanley hinaus. Die Straße ist links und rechts abgezäunt. Wir erfahren, dass es hier in der großen Weite immer noch viele Minen gibt, die die Argentinier im Falkland-Krieg 1982 legten. Die Briten mögen sich denken: Wenn hier irgendwann der letzte von uns das Licht ausmacht, sollen die Argentinier doch ihre eigenen Minen selber bergen.

Bei dem knapp drei Monate dauernden Falkland-Krieg kamen 1982 649 Argentinier um Leben und 255 Briten, also 2,5 mal mehr Argentinier als Briten (Todesquote 2,5:1). Am 15. Juli 2026 gewann Argentinien gegen England mit 2:1.  Was ihnen auf dem Schlachtfeld nicht gelang, also eine Umkehrung der Vorzeichen, erreichte Argentinien nun in Atlanta auf dem Sportfeld. Fast parallel fetzten sich Engländer und Argentinier gestern noch auf einem weiteren Sportfeld. In der nord-argentinischen Stadt Santiago del Estero gewann das Rugby-Team Englands gegen Argentinien mit 31:24. 

Die sportlichen Projektionen dürften allerdings noch zunehmen, denn rund um die Inseln werden rund 60 Milliarden Barrel Erdöl vermutet. Argentiniens Nachbarstaaten solidarisieren sich mit Argentinien. Vor dem Spiel Argentiniens gegen England bezeichnete sich Argentiniens Vizepräsidentin Vicky Villarruel demonstrativ als Tochter eines Falkland-Kriegs-Veterans. Argentinien würde nun gegen die „usurpierenden“ Piraten spielen. Es sei nicht einfach nur ein Spiel, nein es ginge darum, den Eindringlingen Einhalt zu gebieten: „Bis zu unserem letzten Atemzug werden wir einfordern, was uns gehört.“

Mit der großen medialen Aufmerksamkeit der WM betonte auch Argentiniens Präsident Javier Milei auf X, die Malvinas seien argentinisch und man werde sich die Inseln sowie die rund 2.000 Kilometer entfernten Inselgruppen South Georgia und South Sandwich (auf diplomatischem Wege) zurückholen.

Für das schöne Schiff MV Discovery gibt es übrigens kein Zurück. Es wurde ab 2014 in Indien verschrottet. Wie es den Pinguinen und Albatrossen geht, entzieht sich meiner Kenntnis. Von Captain Brocklehurst kann ich aber noch berichten, dass er zwei Jahre nach der geschilderten Schiffsreise als Kapitän derselben MV Discovery 200 Seemeilen vor der Küste Somalias auf somalische Piraten traf. Brocklehurst und sein Team vermochten sie erfolgreich abzuwimmeln. Die Piraten waren mit Raketengranatenwerfern bewaffnet. Brocklehurst aber hatte die Reling mit Stacheldraht abgesichert, feuerte Leuchtraketen ab und richtete Wasserstrahlen in Richtung des Piratenschnellbootes. Die Briten waren vorbereitet.

Straßenszene in Port Stanley 2008. Gespräch mit einer Soldatin. Bildrechte: Rainer Winters