Stadtflucht → Neubaugebiet → Flächenversiegelung → Natureingriff → Ausgleichsfläche → Allmende → Grünland → Kontrollversagen → Verlust des öffentlichen Raumes

Schwedeneck | analogo.de – Im zweiten Teil unseres Essays zum UNESCO Tag der Sozialen Gerechtigkeit spüren wir in der schleswig-holsteinischen Gemeinde Schwedeneck nach, welche sozialen Umweltauswirkungen eine relativ große Menge an Zuwanderern hat. Wie macht es sich bemerkbar, wenn die angestammte Bevölkerung durch neu versiegelten Raum weniger Natur zur Verfügung hat? Wie reagiert dabei der Staat und was bleibt den Schwedeneckern auf der Habenseite? Die Geschichte dieses Essays hat den folgenden roten Faden: Stadtflucht → Neubaugebiet → Flächenversiegelung → Natureingriff → Ausgleichsfläche → Allmende → Grünland → Kontrollversagen des Staates → die Gewinner und Verlierer. Es geht um den Verlust des öffentlichen Raumes, Allmendegüter, verschwiegene Apfelbaumwiesen und nicht begehbare Grünlandflächen. Teil 1 dieses Essays befasste sich mit bevölkerungsgeografischen und soziopolitischen Dynamiken in Schwedeneck durch die erfolgten Zuwanderungen. Ein Essay im ANA LOGO Long Read.

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Zur Wiederholung: Mit der großen Stadtflucht in Deutschland erlebt auch das Ostseebad Schwedeneck eine große Nachfrage nach Bauland. Ein Ausdruck dieser Entwicklung ist die Vollendung eines weiteren Wohngebietes im östlichen Teil der größten Ortschaft der Gemeinde, Surendorf. Vor gar nicht allzu langer Zeit entstand schon ein anderes neues Wohngebiet am westlichen Ortsrand von Surendorf namens Triangel. Mit jedem neuen Wohngebiet verschwinden Naturflächen.

Vor gar nicht allzu langer Zeit zogen so einige Neubürger in das Neubaugebiet Triangel. Dieser Personenkreis und andere Surendorfer sollten nun ein bevorzugtes Bezugsrecht auf die neuen Häuser bzw. Wohnungen im neuen östlichen Wohngebiet names Hochhorst bekommen. Teure Hochhorstimmobilien gingen weg wie die Semmeln und nach Triangel zogen andere Zugezogene nach.

Diejenigen die kamen, waren im Durchschnitt jünger, im Zweifel mit dem Ziel einer Familiengründung, und sie stammten im Zweifel aus eher städtischen Siedlungen mit überwiegend links-grünen politischen Überzeugungen. Eine dieser links-grünen politischen Überzeugungen ist ein tendenzielles Misstrauen in vorhandene Strukturen. Landbewohnern wird gerne bescheinigt, politisch rechts zu stehen, also ein gesundes Vertrauen in die bestehenden politischen und gesellschaftlichen Strukturen zu haben. Die Zugezogenen in Schwedeneck wählen heute eher links-grün. Ein Ortsverband ‚GRÜNE Küste Dänischer Wohld‘ wurde gegründet.

Stadtflucht → Neubaugebiet → Flächenversiegelung →

Man sagt, Grünwählern liege die Natur am Herzen. Durch ihren Zuzug nach Schwedeneck und die Neubesiedelung vorheriger Gras- und Naturflächen bewirken diese Schwedenecker Grünwähler das genaue Gegenteil. Die Naturflächen im Westen und Osten von Surendorf wurden versiegelt. Nun steht hier eng auf eng ein Haus nach dem anderen.

Natureingriff →

Grünwähler wollen gerne mit gutem Gewissen leben. Wenn sie sehenden Auges mit ihrem egoistischen Tun die Naturidyllen von Schwedeneck zerstören, wollen sie es an anderer Stelle wieder gut machen. Ein moderner Ablasshandel. Der Gesetzgeber schreibt hierzu ins direkt wirkende Bundesnaturschutzgesetz (§14), besagtes Tun sei ein Eingriff in die Natur und Landschaft. Die belebte Bodenschicht wird mit Teer oder Verbundsteinen versiegelt, der Grundwasserspiegel wird beeinflusst und überhaupt sei die Leistungs- und Funktionsfähigkeit des Naturhaushalts oder das Landschaftsbildes erheblich beeinträchtigt. So einfach komme man nicht davon. Buße müsse getan werden.

Hierzu hat sich der Gesetzgeber ein ausgeklügeltes System ausgedacht, welches seit Mitte der 70er Jahre einfach nicht funktionieren will. Die getroffenen Regelungen zu Eingriffen in die Natur bedienen Eingriffsfolgen, haben aber noch nie Eingriffe verhindert. Ganz im Gegenteil. Laut dem Naturschutzbund NABU verschwinden alleine in Schleswig-Holstein durch Baumaßnahmen täglich 3,5 Hektar Natur und Landschaft. In Deutschland zuletzt 52 Hektar pro Tag bzw. 18.980 Hektar pro Jahr.

Nun haben Nicht-Landwirte kaum eine Vorstellung von einem Hektar. 100 Meter mal 100 Meter ist ein großer Bauplatz. 100 Hektar entsprechen einem Quadratkilometer und 18.980 Hektar also rund 190 km² pro Jahr. Man mache sich diese Zahl am Beispiel der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden mit ihren rund 300.000 Einwohnern klar: Deutschland verliert jedes Jahr Naturfläche in der Größenordung dieser riesigen Stadt im Rheingau. Noch vor zehn Jahren waren es gar 80 Hektar pro Tag bzw. 292 km² pro Jahr, eine Fläche größer als Frankfurt am Main, ungefähr so groß wie die Stadtfläche von Leipzig.

In der Stadt Wiesbaden ist das Statistische Bundesamt (Destatis) angesiedelt. Destatis lässt uns wissen, dass in Deutschland allein im letzten Jahr rund 200.000 neue Wohnungen entstanden. Die Grünen und somit wahrscheinlich auch die Grünwähler wollen mehr Einwohner für Deutschland, wollen Flüchtlinge aller Herren Länder in Deutschland ansiedeln, wollen aus ihren bescheidenen Wohnungen in möglichst alleinstehende Häuser ziehen. Grünwähler wollen in dem Sinne Naturflächen in Siedlungs- und Verkehrsflächen umwandeln, vormalige Äcker und Grünflächen bebauen, betonieren und asphaltieren. Die Grünen und somit im demokratischen Sinne wahrscheinlich auch die Grünwähler heucheln ihre Liebe zur Natur vor.

Dagegen waren die Landwirte von Schwedeneck und Surendorf wohl auch ohne die neuen Baugebiete zufrieden. Sie gelten als konservativ. Die Dinge so lassen wie sie sind. Das Motto: „Never change a winning team“. Grünwähler zogen im Jahre 2025 in großen Demonstrationszügen durch Surendorf und denunzierten Landwirte – ausgesprochen und unausgesprochen – als ‚rechts‘.

Der Deutschlandfunk berichtet vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, es habe 100.000 Hektar Bauland für zwei Millionen Wohnungen ermittelt. Die treibende Bundesministerin heißt Klara Geywitz, und ist ebenso wie der neue Bürgermeister von Schwedeneck von der SPD. In Bulgarien verschwindet seit Jahren jeden Tag ein Dorf. Seit 1989 schrumpfte die Bevölkerung Bulgariens von 9 Millionen auf heute 6,5 Millionen. Bulgaren wollen gerne in Deutschland leben und Deutschland will wachsen. Geht es nach Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD), gerne auf über 90 Millionen. Die SPD pfeift auf die Natur.

Weltweit holen die Menschen aus den Ackerböden, was geht. Betrug die Ackerbaufläche im Jahre 1650 weltweit geschätzte zwei Millionen km², war sie im Jahre 1900 auf acht Millionen km² angewachsen. Im Jahre 1950 auf 10 Millionen und im Jahre 2000 auf rund 30 Millionen km², eine Fläche so groß wie der gesamte Kontinent Afrika. Die Gesamtfläche der Erde beträgt rund 500 Millionen km², mit rund 70 Prozent Wasserfläche und 30 Prozent Landfläche (150 Millionen km²). Zehn Prozent der Landfläche (rund 15 Millionen km²) wird weltweit als Ackerfläche bebaut.

Umweltwissenschaftler haben errechnet, dass sich noch weitere 13 Prozent der Landfläche erschließen ließen, was die Menschheit aber sehr teuer käme. Per Definition kann einseitiges Wachstum nicht nachhaltig sein. Und so ist der Trend in Deutschland höchst unnachhaltig: Bürger und Politiker in Deutschland wollen noch mehr Menschen in Deutschland, die im Trend pro Mensch auch noch mehr Fläche = mehr Wohnraum = mehr Wohlstand einfordern.

Mit immer steigender Siedlungsfläche in Deutschland sinkt die Chance von Entsiedelungsflächen gegen Null. Der staatlich vorangetriebene Ablasshandel ist ein wesentlicher Grund dafür, dass Bauland und Immobilien teurer werden. Die Heuchelei dahinter sieht so aus: Wir sollten eigentlich nicht versiegeln, tun es aber dennoch, dann muss Versiegelung aber teuer werden.

Der Konflikt zwischen nachhaltig-landwirtlichem und gierig-stadtmenschlichem Denken ist längst ausgebrochen. Was bei dieser polarisierten Betrachtung noch als ‚Gemeinwohl‘ zu definieren ist, kann man sich ausmalen. Die Politik brauchte einige Jahre, bis sie endlich im Jahre 2020 eine Bundeskompensationsverordnung verabschiedet hatte.

Ausgleichsfläche →

Doch einstweilen gibt der Gesetzgeber vor, den Eingriff in die Natur ‚auszugleichen‘ bzw. ‚kompensieren‘ zu müssen. Im analogen Sinne zollen sogenannte Eingriffs- und Kompensationsregelungen dem Wissen Tribut, dass Bäume zwar von A nach B wandern können, um sich an neue Umweltbedingungen anzupassen, dass sie aber nirgends hinwandern können, wenn Flächen versiegelt sind. Wenn Surendorf an seiner östlichen Flanke ein außerordentlich reizvolles Stück Naturland verliert, was kann dann schon ein als ‚gleichwertig‘ zu betrachtende Ersatzmaßnahme sein?

Der Gesetzgeber zeigt sich sehr flexibel. Ein Ausgleich darf gerne, ja muss geradezu häufig an einer anderen Stelle erfolgen. Im Falle des Baugebietes Triangel im Westen Surendorfs wurde die Ausgleichsleistung 3,5 Kilometer südwestlich der Triangel am Punkt Kuhholzberg erbracht. Die geografischen Koordinaten lauten  54.44784067021069, 10.09038537486894. Diese externe Fläche gehörte der Gemeinde sowieso und wurde nun durch Gehölzflächen, Apfelbäume und eine Feuchtsenke ökologisch aufgewertet.

Allmende →

Nicht alle Schwedenecker Bürger sind sich dieser Ausgleichsfläche bewusst. Doch hat sich zunehmend rumgesprochen, dass man hier im Herbst schöne rote Äpfel ernten kann. Das dahinterstehende Gefühl lässt sich in folgende Formel gießen: Je roter die Äpfel, desto erfolgreicher der Landschaftsschutz.

Doch dann beginnt der Verteilungskampf. Ab dem Moment, an dem die Lehrer der Surendorfer Schule von der Ausgleichsfläche erfahren, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ganze Schulklassen über die Apfelbäume herfallen. Schon entwickelt sich die Botschaft der Ausgleichsfläche zum unausgesprochenen Tabu. Was, wenn nun noch Ortsfremde Wind von den Apfelbäumen bekommen würden?

Ist es am Ende so wie in Stamsund auf den Lofoten-Inseln Norwegens, wo ganze Fischereigruppen aus Polen tagelang Seelachs fischen, vor Ort verarbeiten und tiefgekühlt nach Polen zurückfahren? Wer sollte das Recht an der Nutzung einer Ausgleichsfläche haben? Wenn Menschen in ihrer Ortschaft schon Naturland verloren haben, sollten sie überhaupt ein Anrecht auf Nutzung einer Ausgleichsfläche haben?

Ein klassisches Problem von Allmendegütern. Der mittelalterliche Begriff der Allmende bezeichnet Land eines Dorfes, welches von allen genutzt werden kann. In typischerweise dünn besiedelten Gebieten also ein Stück Land, auf dem jeder Bauer sein Vieh weiden lassen konnte. Doch was bedeutet heutzutage schon ‚dünn besiedelt‘, wenn jeder Ortsfremde mit seinem Smartphone nachschauen kann, wo eine Ausgleichsfläche rote Äpfel in Aussicht stellt? Über eine GIS-basierte Karte stellt das grün-geführte Baden-Württemberg der Öffentlichkeit Ausgleichsflächen mustergültig zur Verfügung. Das tabuverliebte Schleswig-Holstein geht den gewohnten Weg der Verheimlichung.

Rote Allmende-Äpfel in Schwedeneck. Bildrechte: Rainer Winters

Schleswig-Holstein’s Verschleierungstaktik mag also Sinn machen. Immerhin führten Erwägungen rund um die Allmende bereits im Mittelalter zum großen Bauernkrieg. Aber gleichzeitig auch zur ersten wirklich verfassunggebenden Versammlung auf dem europäischen Kontinent nach der Römerzeit. In zwölf Artikeln stellte die schwäbische Bauernschaft Forderungen nach Freiheits- und Menschenrechten auf. So forderte der 10. Artikel: „Haben etliche (Red. das waren meist weltliche Herrscher) sich Wiesen und Äcker, die einer Gemeinde zugehören (Gemeindeland, das ursprünglich allen Mitgliedern zur Verfügung stand), angeeignet. Die wollen wir wieder zu unseren gemeinen Händen nehmen.“

Wenn Allmendegüter ersichtlich schnell durch Ortsansässige und womöglich Ortsfremde übernutzt werden, weil jeder meint, sich schadfrei an ihnen laben zu können, wird der Kompensationsgedanke ebenso schnell abstrakt. Auf einmal wird die Leistung nicht mehr auf einer anderen Gemeindeflur bzw. auf einem anderen Gemeindegut erbracht, sondern auf Privatflächen.

Die Nobelpreisträgerin Elenor Ostrom zeigte auf, wie Allmendeprobleme gemeistert werden können. Nachdem sich die US-Amerikanerin jahrelang mit dem Aneignungs- und Bereitstellungsproblem beschäftigt hatte, konnte sie bis dahin gültige wirtschaftswissenschaftliche Annahmen des Übernutzungsdogmas widerlegen.

Laut Ostrom würden die Nutzer bei der gemeinsamen Nutzung natürlicher Ressourcen im Laufe der Zeit Regeln herausbilden, wie diese Ressourcen in einer Weise zu pflegen und zu nutzen sind, so dass man wirtschaftlich und ökologisch nachhaltig mit ihnen umgeht. Dazu gehört die Einsicht, dass die Gemeinschaft klar eingegrenzt werden muss und Ortsfremde die Allmenden eben nicht nutzen dürfen.

Weiterhin müssten die Betroffenen die Regeln beeinflussen und ändern können. Nach deutschem Recht können die Bewohner von Schwedeneck die Regeln rund um die Apfelbaumwiese nicht verändern. Die Details sind in juristisches Blei in Form von hunderten Paragraphen aus Landesnaturschutzgesetz & Co. gegossen. Diese Paradigmen müssten außerdem überwacht und Zuwiderhandlungen sanktioniert werden. In Schwedeneck ist hin und wieder ein Hinweis an die Gemeindeverwaltung von Nöten, die Wiesen rund um die Apfelbäume auch zu mähen.

Streuobstwiesen sind zwar leicht anzulegen, haben aber den Nachteil, intensiv in der Pflege zu sein. In der Regel sollen Naturschutzbehörden Streuobstwiesen nur anlegen, wenn die Entwicklungspflege auch garantiert werden kann. Der Eigentümer der Fläche, hier die Gemeindeverwaltung, ist mit einer sogenannten Reallast konfrontiert, die den Eigentümer zu Maßnahmen verpflichtet. Über Grundbucheinträge können Flächen mit Dienstbarkeiten ausgestattet werden. Eine Dienstbarkeit belastet ein Grundstück bzw. seinen Eigentümer. Zwar erhalten die Eigentümer dann ein Nutzungsrecht an der für sie eigentlich fremdmotivierten Sache, aber sie müssen sich kümmern.

Grünland →

Die Ausgleichsfläche für das neue Surendorfer Baugebiet Hochhorst ist eine solche Fläche. Laut Gründordnungsplan des Bebauungsplanes B21 erfolgt die Kompensation im Zusammenhang mit der Bodenversiegelung „Hochhorst“ durch den Zugriff auf das Guthaben eines anerkannten Ökokontos. Dabei handelt es sich um das private Ökokonto in Schwedeneck ‚Birkenmoor AZ 67.20.35-Schwedeneck -2‘.

Laut Auskunft der Gemeindeverwaltung „ist die landwirtschaftliche Nutzung zu extensivieren, um durch eine Verringerung der Nutzung und des Nährstoffeintrags, den Artenreichtum des Dauergrünlandes zu fördern. Eine Düngung des Grünlandes oder Maßnahmen des Pflanzenschutzes seien nicht erlaubt.“

Mehr erfährt man nicht. Wie erfährt jetzt die Gemeinschaft aller Bürger, wie man bzgl. des Naturverlustes kompensiert wurde? In Schleswig-Holstein gibt es – wie gesagt – kein adäquates Internetportal, um dies zu erfahren. Wir haben nachgefragt. Auf dem in Schwedeneck bekannten Gut Birkenmoor kann man nicht nur Erdbeeren selber pflücken, sondern es ist auch finanztechnisch stark in das ökologische Ablasshandelsystem eingebunden.

Rund um das Gut Birkenmoor liegen Felder, Forst- und Grünlandflächen verstreut. Welchem Landwirt hier welche Parzelle gehört, ist sowieso nicht einmal Schwedeneckern bekannt. Noch viel weniger bekannt ist, wo denn genau nun die Gründlandfläche liegt, die ab nun auch Grünlandfläche bleiben muss. Surendorfer fragen sich, ob man denn rund um dieses Gründland nun auch spazieren gehen kann. Haben Schwedenecker darauf ein Anrecht?

Luftlinie liegt der Bauernhof drei Kilometer vom Neubaugebiet Hochhorst entfernt. Wer hier spazieren gehen will, muss aber über Umwege mindestens sechs Kilometer fahren. Damit wird die Kompensation zwar relativ lokal erbracht, aber sie wird eben auch abstrakt. Die Natur in Surendorf ist verloren, und wird dadurch kompensiert, dass sechs Kilometer entfernt auf einem Acker keine Erdbeeren oder andere Feldfrüchte angebaut werden dürfen, sondern die Fläche dauerhaft mit Gras bepflanzt bleibt.

Das Gut Birkenmoor rühmt sich auf ihrer Webseite, an geförderten Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen teilzunehmen, Gelder ebenso vom EU-finanzierten Programm Aktivregion Eckernförder Bucht zu erhalten wie vom Landesprogramm Ländlicher Raum EU.SH für die Entwicklung ländlicher Räume. Bei so viel Staatsnähe ist klar: Das Gut sahnt allerhand Steuergelder ab. Und hält jetzt obendrein noch die Hand auf, wenn in der Nachbarschaft Natur zerstört wird. Clevere Agrarbetriebe können auf diese Weise sehr gut über die Runden kommen. Im weiteren Sinne sind solche Betriebe verlängerte Regierungsorganisationen (VROs).

Der moderne Ablasshandel läuft in diesen Fällen wie folgt ab: Nehmen wir als theoretisches Beispiel ein anderes Hofgut in der Nähe von Surendorf, das Gut Hohenhain von Burkhard von Langendorff. Nehmen wir einmal an, von Langendorff hat unbenutztes Land übrig und wertet es unter hohem Kosteneinsatz nach staatlichen Vorgaben ökologisch auf. Unter Koordination der Ausgleichsagentur Schleswig-Holstein bringt von Langendorff sein Projekt in einen Pool ein, wofür er ‚Ökopunkte‘ erhält.

Nehmen wir weiterhin an, ein Bauträger zum Beispiel in der Nachbargemeinde Gettorf möchte auf neuen Bauplätzen Häuser bauen. Dafür muss der Bauträger nun Buße tun. Da er selber kein anderes Land besitzt und auch keine Fläche ankaufen will, mit der er kompensieren kann, kann er seine Buße zugunsten von Herrn von Langendorff leisten. Der Bauträger zahlt nun konkretes Geld an Herrn von Langendorff. Ein Ökopunkt steht für einen Quadratmeter Kompensationsbedarf.

Kontrollversagen des Staates →

Derweil kritisieren Naturschutzorganisationen eine mangelnde bis gar nicht stattfindende Kontrolle, ob die Kompensationsmaßnahmen an sich bzw. konkret die Instandhaltung der Flächen auch ordentlich durchgeführt werden. Im oben genannten Beispiel müsste der hier angenommene Bauträger aus Gettorf für die Flächenleistungen bezahlen. Im Falle des Baugebietes Triangel fallen für die Gemeinde Schwedeneck Kosten an, wenn sie die Apfelbaumwiesen rund um die Apfelbäume mähen muss.

Die Gewinner →

Neben allen möglichen Kleinunternehmern gehören zu den Gewinnern an der Flächenversiegelung des Baugebietes Hochhorst diese wesentlichen Akteure:

a) die Baufirma BIG BAU Investitionsgesellschaft mbH aus Kronshagen

b) die Freiraum- und Landschaftsplanung Matthiesen und Schlegel GbR aus Altenholz für den Umweltbericht und den Grünordnungsplan

c) Bioplan Hammerich, Hinsch & Partner, Biologen & Geographen PartG aus Großharrie bei Plön für die Erstellung des Artenschutzberichtes

d) B2K Architekten und Stadtplaner Kühle, Körner, Gundelach PartG aus Kiel für die Begründung des Bebauungsplanes B21 und die Planzeichnung

e) das Ingenieurbüro Akustik Busch GmbH aus Kronshagen für das Schallgutachten

f) Stoll-Haus GmbH aus Schuby bei Schleswig für den Häuserbau (siehe Details im Nachtrag weiter unten)

g) das Gut Birkenmoor eGbR als Zuverfügungsteller einer Kompensationsfläche

h) der Amtsschimmel

i) das Grünland

Grünland? Warum eigentlich gilt Grünland als ökologisch qualitative Verbesserung? Der Wiesenanteil in Deutschland sinkt und sinkt. Landwirte haben ihre Wiesen zu häufig in Äcker umgebrochen. Die hohe Nachfrage nach Mais und Raps machte es möglich, und Bauträger bauten zu viele Industrie- und Siedlungsflächen. Die Umwandlung von intensiv und extensiv bewirtschaftetem Grünland in intensiv bewirtschaftetes Ackerland hat negative Konsequenzen für den Schutz der Gewässer, des Bodens und der Artenvielfalt. Also sah sich der Gesetzgeber veranlasst, den Ackerflächenverlust durch Siedlungsraumversiegelung zu verlangsamen.

Es entstand die EU-Grünland-Umbruch-Verordnung und alle möglichen nachrangigen Verordnungen auf den Länderebenen (wie zum Beispiel in Rheinland-Pfalz mit der ‚Landesverordnung zum Grünlanderhalt‘). Unter dem englischen Stichwort Greening soll eine Wieder-Begrünung der Landschaften vorangebracht bzw. existierendes Dauergrünland erhalten werden. Aus diesem Grundgedanken heraus erhält das Gut Birkenmoor finanzielle Hilfen, wenn es sich verpflichtet, auf einem Teil seiner nun begrasten Äcker eben keine Erdbeeren, Raps oder andere Feldfrüchte anzubauen.

Die Verlierer  →

Was haben also nun die Schwedenecker von dem Verlust der Naturflächen? Mehr Verkehr, mehr Schüler in der Schule und Demonstrationen gegen rechts. Außerdem können sie manchmal Äpfel ernten, wenn sie nicht zu spät kommen, weil etwa eine Surendorfer Schulklasse die Apfelwiesen bereits abgeerntet hat.

Die Schwedenecker haben jetzt in ihrem Dorf weniger Natur zur Verfügung, während an einige Kilometer entfernt ein anderer Naturabschnitt im ökologischen Sinne aufgewertet wurde. Das Quantum Natur nimmt ab, die Güte der verleibenden Natur wächst, selbst wenn die Schwedenecker nicht erfahren, wo sich dieses Goldstück an Natur befindet.

Das Gut Birkenmoor von Kathrin Abel-Brauns stellt sich zwar als innovativer Biohof dar, informiert aber die Bevölkerung de facto nicht proaktiv, wo genau die kompensierende Grünfläche ist, um die man sich sechs Kilometer von Surendorf entfernt kümmert. Das Team rund um Kathrin Abel-Brauns handelt hier gleichwohl schleswig-holstein-typisch intransparent. Eine vertrauensbildende Maßnahme wäre, würde der Hof proaktive Führungen über sein kompensierendes Grünland anbieten.

In NRW veröffentlichte der BUND Mönchengladbach eine Lokalstudie, nach der kaum Kompensationsflächen im Internet veröffentlicht würden, obwohl sie dazu seit 2017 gesetzlich verpflichtet seien. Wenn es schon nicht der Staat macht, warum geht Frau Kathrin Abel-Brauns nicht mit gutem Beispiel voran?

Laut der Seite kompensationsmarkt.de bringt in Schleswig Holstein eine Umwandlung von Acker in Grünland rund ein bis zwei Ökopunkte, in Sachsen-Anhalt dahingegen bis zu 10. Dies mache sich im Preis bemerkbar: Während ein Ökopunkt in Schleswig-Holstein im Schnitt für 2,95 € gehandelt würde, sei er (Red. in Sachsen-Anhalt) „durchschnittlich 0,70 € wert“. Das Thema Ökologie & Bauland hat in Deutschland den Charakter eines türkischen Teppichbasars erlangt.

Sozial gerecht geht es zu, wenn keine Gruppe unverhältnismäßig stark profitiert, während andere unmäßig heftig belastet werden. Angesichts der verborgenen Strukturen rund um die geschilderten Landschaftsvermarktungen machen sich einige Profis im Geschäft reich, während die betroffenen Bürger in Summe verlieren. Und eines ist ganz sicher: Das Beispiel Gut Birkenmoor zeigt, dass der öffentliche Raum in Deutschland immer kleiner wird.

Nachtrag vom 06. März: Die Firma Stoll-Haus profitiert zumindest indirekt vom Bau der Häuser im Baugebiet Hochhorst, wenn die Firma an benachbarten Bauprojekten in Schwedeneck verdient. Surendorf – eine Fundgrube für Investoren.