China rückt nach Westen vor

Dushanbe, Murghab, Rangkul | analogo.de – China breitet derzeit aktiv sein Territorium in Richtung Westen aus. Der neue Grenzzaun zwischen China und seinem Nachbarland Tadschikistan in der einsamen Bergwüste des Pamirgebirges verdeutlicht die offensichtlichen Ambitionen des Reiches der Mitte in Zentralasien. Wie im Film Herr der Ringe verlaufen Chinas Wachtürme auf einschüchternd präsente Weise parallel zur Straße Murghab/Kirgisistan. Der Herausgeber von analogo.de erfuhr vor Ort in der Grenzstadt Murghab, dass der tadschikische Bürgermeister in der östlichsten tadschikischen Ortschaft Rangkul abgesetzt wurde. Auf Anweisung von Dushanbe darf er mit seinen Landsleuten zwar noch in Rangkul wohnen bleiben, hat aber seine verwalterischen Hoheitsrechte an China abgeben müssen, so unser Hinweisgeber aus der Grenzstadt im Vierländereck von Tadschikistan, Afghanistan, Pakistan und China.

China breitet sich langsam aber stetig in Richtung Westen aus. Für den territorialen Gewinn zahlte und zahlt China mit dem Bau von Straßen, so etwa vom nördlichen Khojand in die südlicher gelegene Hauptstadt Dushanbe. Die Straße führt über einen rund 5.000 Meter hohen Gebirgszug, der teilweise untertunnelt wird. Die Fahrt durch den noch unfertigen Tunnel ist lebensgefährlich, kommt der Troß von Diesel-LKWs und Jeeps nicht selten bei Kilometer 7 oder 15 zum Stehen, weil das Wasser im Tunnel einen knappen halben Meter hoch steht.

Seine eigenen Arbeiter setzt China nicht nur beim Straßenbau in Tadschikistan ein. Chinas „Gastarbeiter“ arbeiten auch zunehmend auf den Reis- und Baumwollfeldern im südlichen Tadschikistan. Die Regierung verleast tadschikischen Boden an die westchinesische Provinz Xinjang, die wiederum 1.500 Bauern in die Distrikte Kumsangir und Bokhtar schickte. China geht hier ähnlich zielstrebig vor wie in den 50er Jahren in Tibet, als es das Land erst langsam dann aber mit aller Gewalt besetzte und der Dalai Lama für immer nach Indien floh. Der Soziologe Rustam Haidarov warnte schon 2011 davor, dass Chinas Landgrabbing in Tadschikistan nur der erste Schritt in Richtung von etwas Größerem ist. Dazu gehört laut Haidarov die offizielle Politik der Umsiedlung von Chinesen aus dem übervölkerten und umweltverseuchten China in andere Länder.

Tadschikische Infrastrukturprojekte wie der oben beschriebene Straßenbau wurden durch fünf Milliarden US-Dollar finanziert, von denen aber fast ausschließlich die chinesische Wirtschaft profitierte. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit im Land wandern viele Tadschiken nach Moskau oder St. Petersburg aus, von wo sie Geld in die Heimat schicken. Gehen Tadschiken, kommen Chinesen – und sie bleiben. Seit Anfang 2000 sind es über 100.000 Chinesen. Diese Art fehlgeleiteter Arbeitsmarktpolitik dient den Ambitionen Chinas. Denn seine Bewohner sind versorgt – und die tadschikischen Bewohner verdrängt.

Auch die Verdrängungskultur der chinesischen Händler ist kategorisch. Um Tadschiken von den Märkten zu drängen, verkaufen sie auf Märkten wie dem „Afghanenmarkt“ in Khorog unter Preis, was Tadschiken wiederum zur Geschäftsaufgabe zwingt. Die aufgebrachte Bevölkerung Tadschikistans greift zwar nicht selten zu den Waffen (wie im Jahre 2009 im hauptstadtnahen Tal von Gharm), ist aber angesichts des massenhaften Ausverkaufs tadschikischen Bodens seit Jahren wehrlos. Bereits 2011 bewilligte Präsident Rahmon China per mündlichem Vertragszugeständnis 990 Quadratkilometer Landgewinn, und argumentierte gegenüber der eigenen Bevölkerung es wäre unwirtliches Land ohne Bodenschätze gewesen. Seit 1991 hatte China ganze 20.000 Quadratkilometer Land von Tadschikistan gefordert, so viel Fläche wie das Bundesland Rheinland-Pfalz groß ist. Es bekam 990 km², baute seine Grenzzäune und basta.

Die neueste Avance Chinas in Bezug zu Grenzzäunen in Tadschikistan verläuft entlang der über 1.300 Kilometer langen Grenze zu Afghanistan. Seit dem Fortzug der russischen Grenzbeamten im Dezember 2015 übernimmt China ehemals kern-russische Verteidigungsaufgaben. Über den teilweise recht schmalen Grenzfluss Panj an der Grenze von Tadschikistan zu Afghanistan wird Rauschgift Richtung Norden geschmuggelt. Die besagte Grenzlandstraße Murghab/Kirgisistan ist eine der Hauptschmuggelrouten. Seit Anfang 2016 betreibt China den ersten Grenzposten an der afghanischen Grenze, so die Nachrichtenagentur Reuters.

Wer sich persönlich ein Bild machen möchte, kann sein tadschikisches Visum im benachbarten Usbekistan beantragen. Der Agent Pamir Travel in Taschkent hilft bei der Ausstellung des Visums und des Einladungsbriefes (LOI). Das Permit für die autonome Region Gorno-Badakhshan Oblast (GBAO) organisiert man sich in Dushanbe. Eine Reise durch die Grenzregionen ist spannend und in vielerlei Hinsicht überwältigend. Die gute reisetechnische Botschaft lautet, dass laut unserer Information Reisende in dieser Gegend seit dem 27. Februar 2009 gemäß Dekret 122 keine OVIR Registrierung mehr benötigen. Dennoch versuchen Soldaten oder Grenzbeamte etwa am Kyzyl-Art Pass zwischen Tadschikistan und Kirgisistan bei Nichtvorliegen des OVIR eine Weiterreise ohne Bestechungsgeld zu erschweren. Wir zumindest haben nicht bezahlt und dem Druck standgehalten. Die OVIR Registrierung wird laut Auswärtigem Amt weiter empfohlen. Diese und viele weitere Tipps flossen in die 2010er Ausgabe des Lonely Planet Reisebuches ein.

Chinas 7.509 Meter hoher Muztagh Ata, 60 Kilometer vom tadschikischen Rangkul. Rangkul wurde von China übernommen. Bildrechte: Famhud auf Pixabay 1489016_1920

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