Warum ich unregulierten Wettbewerb für falsch halte

Welt | analogo.de – Nehmen wir eine Gruppe, eine Familie, einen Staat, eine beliebige eigentliche Ur-Gruppe. In jeder Gruppe sollte jeder sein Bestes geben, was gut für ihn selber und zum Wohle der Gruppe ist. Ich bin da ganz beim Nobelpreisträger John Nash, der wissenschaftllich bewies, dass das beste Resultat erzielt werde, wenn jeder in der Gruppe tut, was für ihn selbst und die Gruppe am besten ist.

Dazu gehört, dass sich die Gruppenmitglieder weiterbilden, damit sie die Dinge erledigen können, die zu tun sind. Kann die Gruppe gewisse Dinge nicht zur allgemeinen Zufriedenheit selber erledigen, sollte die Gruppe nicht unbedingt Unterstützung von außen suchen, sondern erst einmal zusehen, sich auch mit sub-optimalen Ergebnissen zufrieden zu geben.

Märkte sollten dazu dienen, dass die Gruppe (-nmitglieder) ihre Produkte verkaufen kann (bzw. können). Es ist beidermaßen unmoralisch wie ungerecht, die Gruppe bis zur Unkenntlichkeit der Gruppe zu erweitern. Integration ist in Ordnung, so weit sie nicht die Existenz, ja das Wesen der Gruppe unterminiert. Siehe hierzu mein Schaubild unter diesem Link.

Das Gesagte gilt auch für Arbeitsmärkte. Große Arbeitsmärkte können in der Regel akzeptable Ergebnisse zur Verfügung stellen. Ich wehre mich gegen den immerständigen Import neuer Arbeitskräfte, die nicht zum Gruppengedächtnis gehören und dieselbe Arbeit für immer weniger Geld erledigen. Ohne die Logik, dass erst die Gruppenmitglieder zählen, und dann irgendwann einmal die Außenstehenden, keine Gruppe.

Familienmitgliederschutz, Mitarbeiterschutz, Inländerschutz, Staatsschutz, EU-Mitgliederschutz, Artenschutz, Gewässerschutz, Hochwasserschutz, Küstenschutz, Markenschutz, Rechtsschutz, Verbraucherschutz, Verfassungsschutz, Whistleblowerschutz, sie alle schützen dasselbe, nämlich die Gruppe (-nmitglieder) ihres Definierendenbereiches. Es ist auch ein Akt der Gewalt, jemandem auf dem Arbeitsmarkt einen „Job wegzunehmen“.

Wenn milliarden- und millionenschwere Unternehmer ihre Produktionen ins Ausland verlagern, weil sie dort mehr Gewinne erwirtschaften, wenden sie dieselbe kapitalistische Logik an wie in den Momenten der 1970er Jahre, als sie Politiker dazu brachten, Millionen an billigen Massenarbeitskräften aus dem Ausland für ihre Fabrikbänder zu importieren, damit jene die Schmutzarbeit machen, die sie als große Firmenbosse niemals selbst getan hätten. Nach dem Prinzip: Sind die eigenen Leute nicht mehr gut genug, holen sie sich andere.

Jeder kämpft für sich – und lebt bei Mama und Papa

Nochmal John Nash: Im freien Wettbewerb verliert immer jemand. Das ist das Wesen des nach ihm benannten Gleichgewichts, welches eigentlich ein Ungleichgewicht ist, weil es zeigt, wie Menschen verlieren, wenn ihnen a) Informationen vorenthalten werden und b) wenn jeder nur für sich kämpft. Dagegen Adam Smith, der Begründer der modernen Ökonomie: Im Wettbewerb kommt der individuelle Ehrgeiz dem Gemeinwohl zugute. Jeder kämpft für sich. Ja, das merkt man im aktuellen Kapitalismus an allen Ecken und Enden. Und diejenigen, die scheitern, bleiben bei ihren Freunden oder wohnen bis zum 50. Lebensjahr bei Mama und Papa. Rationalität auf individueller Ebene garantiert eben keine Rationalität auf kollektiver Ebene

Ich lehne es ab, ausländische Fußballspieler nur deshalb einzubürgern, weil sie durch ihre Leistung das Ansehen der Nation oder einzelner Fußballmannschaften mehren. Ich bevorzuge Kreisliga-Fußballspiele, bei denen ich weiß, dass hier die Jungs aus dem Ort spielen, gegenüber Bundesliga-Spielen mit aus dem globalen Fußballerpool zusammengestellten Truppen, die Kraft des Transfergeldes oben erwähnter Bonzen jeden Gegner alt aussehen lassen.

Gruppenvertreter sollten die Mitglieder ihrer Gruppe schützen, und eben NICHT den Wettbewerb über alles stellen. Viele Gruppen haben sich humane Regeln gegeben, nach denen sie leben wollen. Wenn ein Journalist an seiner Arbeit gehindert wird, muss der Journalistenvertreter seinem Schutze dienen. Punkt. Aber man betrachte sich die Realität, wo der Deutsche Journalistenverband DJV sich weigert, den zusammengeschlagenen Reportern beizustehen.  

Mit Bezug zur DDR sagte die Schauspielerin Christine Prayon dem Magazin Emma in der Ausgabe 05/2026, die Idee, dass der Mensch an erster Stelle steht und nicht der Profit, dass es vor allem darum geht, zu kooperieren und nicht zu konkurrieren – das könnte man doch mal probieren.

Und die Verfassungsrichterin Julie Zeh sagt, dass man auf Gerechtigkeit hinarbeiten könne. Wenn aber unsere Vision von Zukunft insgesamt schwarz sei, wenn also alle glauben, dass es immer schlechter werde, dann gehe es nicht mehr um Gerechtigkeit, sondern um Verteilungskämpfe und den Hass zwischen Gruppen, die um Ressourcen ringen.

Schließlich noch der Künstler Hape Kerkeling, der zwar viel Unsinn redet, aber meiner Meinung nach einmal treffend bemerkte, die AfD sei eine Partei der „Zukurzgekommenen“. Das war eine scharfe Beobachtung. Denn jedes Jahr unterliegen Millionen mehr Menschen im Wettbewerb – nicht nur gegen billigere ausländische Arbeitskräfte, die alles mit sich machen lassen, sondern auch gegen die Bündnis90/Die Grünen wählenden reichen Beamten, Lehrer und sonstigen Eliten, denen das Schicksal der Zukurzgekommenen schnurzegal ist. Ich erwarte derweil nicht, dass trotz ihrer Versprechungen Politiker wie Donald Trump, Nigel Farage, Marine Le Pen, Matteo Salvini, Jair Bolsonaro oder Alice Weidel etwas an der Situation der Zukurzgekommenen verbessern. Ganz im Gegenteil. 

Sich im Spiel zu messen, bringt Freude. Wenns um Geld geht, muss der Wettbewerb reguliert werden. Ohne Regulierung wären die Schwachen der eigenen Lebensgemeinschaft die Verlierer. Mit regulierten Märkten kommt mehr Gerechtigkeit.

Dieses Essay ist Teil meiner Positionen und Statements auf meiner Biografieseite rainerwinters.com.

Hafen von Barcelona. Die Globalisierung schafft millionenfache Verlierer in vielen Ländern. Das muss nicht so sein. Bildrechte: Rainer Winters